Südserbische Provinz oder Republik Kosovo?

Von 15:00 bis 18:00 Uhr wird heute in den Den Haag mit Audio-livestream für die interessierte Welt, besonders für den Balkan, die Serben und die Kosovaren das Ergebnis der höchstrichterlichen, völkerrechtlichen Prüfung verkündet. Serbien hatte via UN-Vollversammlung den Internationalen Gerichtshof (ICJ) angegerufen mit der Frage: “Is the unilateral declaration of independence by the Provisional Institutions of Self-Government of Kosovo in accordance with international law?”.
Am 08. Oktober 2008 nahm die UN-Generalversammlung einen Antrag Serbiens an, die völkerrechtliche Gültigkeit der Unabhängigkeitserklärung durch den Internationalen Gerichtshof in einem Rechtsgutachten prüfen zu lassen. Heute wird das Rechtgutachten vorgestellt, das wie auch immer es ausgeht den weiteren bi-lateralen Prozess zwischen Belgrad und Pristina maßgeblich beeinflussen dürfte. Denn das Infragestellen der einseitigen Unabhängigkeitsausrufung durch die Kosovaren am 17. Februar 2008 dürfte damit zumindest de jure geklärt sein, auch wenn Serbien seine territoriale Integrität masiv angegriffen sieht. Aber de jure bedeutet in Südosteuropa auf dem Balkan nicht allzu viel, darum waren die Kosovo-Albaner gut beraten mit der Staatsgründung der Republik Kosovo sogleich ein de facto zu schaffen. Die USA und 69 Staaten, darunter Deutschland und die meisten EU-Staaten haben die Staatsgründung anerkannt, dagegen sind an serbischer Seite voran das slawische Brudervolk Russland, auch Spanien, Griechenland, Rumänien oder Zypern gegen die Anerkennung, letztere freilich aus eigenen Autonomie- und Minderheitsproblem-Erwägungen. Die USA haben weitere 40 Staaten zu den 69 avisiert, die die Republik Kosovo anerkennen werden, damit kommt in der Völkergemeinschaft über kurz oder lang eine UN-Vollversammlungs-Mehrheit zustande.
Das nahe Zukunftszenario wird sein, dass beim zu erwartenden positiven Ausgang der ICJ-Prüfung für den Kosovo und dem “Eigentor” Serbiens, das die völkerrechtliche Entscheidung beantragte, Serbien eine neue Sicherheitsratsresolution fordern wird, die dann zur Diskussion gestellt wird, wenn ab 01. August “zufällig” Russland den Vorsitz im UN-Sicherheitsrat am East River in New York inne haben wird.
Der Premierminister Hacim Thaci weilt derweil in der US-Haupstadt Washington D.C. zu Gesprächen mit Vicepresident Joe Biden, ein stärkeres Signal lässt sich politisch kaum senden und zeigt, wer über das Wohl und Wehe des Kosovo bestimmt. Die USA haben im Kosovo die größte Militärbasis außerhalb der USA, das Camp Bondssteel.
Die Kosovaren und Serben, die heute vor ihren “Volksempfängern” sitzen, sind mittlerweile zu Völkerrechtsexperten geworden, wobei besonders das Völkerrecht ein nicht feststehendes gesetzliches Regelwerk darstellt, sondern sich in der stetigen Entwicklung mit den Völkrechtsfragen dieser komplizierten und Konflikt-vollen Welt befindet.
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Seit 1999 sorgt die NATO-Truppe Kosovo Force (KFOR) auf Grundlage der UN-Sicherheitsratsresolution 1244 vom 10. Juni 1999 im Kosovo militärisch für eine stetig gewachsene Stabilität, die mittlerweile militärisch gesehen so gut gediehen ist, dass die KFOR-Truppe mehr und mehr abgezogen werden kann und mehr eine polizeichlich lösbare Unsicherheits-Lage vorherrscht. Derzeit sind noch rund 17.000 Soldaten unter aktueller Führung des Commander KFOR, Bw-Generalleutnant Markus Bentler, aus NATO- und Drittstaaten im jüngsten Balkanstaat, Deutschland ist noch mit rund 1.440 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr vertreten.

Seit 1999 waren einige zigtausende deutscher Soldaten im KFOR-Einsatz, die ersten kamen im Sommer 1999 (Bilder oben u. unten), viele waren zwischenzeitlich mehrmals dort, mittlerweile ist das 26. Einsatzkontingent der Bundeswehr bei KFOR Dienst tuend in der MNTF South im Feldlager Prizren oder im KFOR HQ in Pristina.

Die Rechtsstaatsmission EUELX-Kosovo der Europäischen Union im CSDP bringt mit über rund 1.700 internationalen Bediensteten, Polizisten, Richtern, Staatsanwälten und zivilen Experten, darunter um die 100 Deutsche in den kosovarischen staatlichen Säulen Justiz, Polizei und Zoll die junge Republik Kosovo Status-neutral auf ein relativ funktionierendes Maß. All die im Kosovo greifbaren Probleme wie Presse-Unfreiheit, Korruption, Organisierte Kriminalität bis in die Staatsspitze und erhebliche Wirtschaftsschwierigkeiten mit z.B. extrem hoher Arbeitslosigkeit in der Folge sind kein Fall mehr für Soldaten, sondern zuallerst für die Kosovaren selbst und zivile, wirtschaftliche, polizeilich oder rechtsstaatlich orientierte Staatsaufbau-Unterstützung durch EU, OSZE, Weltbank oder sonstige Organisationen.

Der Tag heute könnte in gewisser Weise den Kreis schließen, die NATO-Intervention unter Beteiligung Deutschlands und seiner Streitkräfte seit Juni 1999 bis hin zur ICJ-Prüfung der Rechtsgültigkeit der selbst erklärten Unabhängigkeit der Kosovaren vom damaligen Aggressor Serbien am 22. Juli 2010.

Das höchste Gericht der Vereinten Nationen, der International Court of Justice (ICJ, Grafik, Bilder oben u. unten) wurde 1945 von den United Nations (UN) geschaffen und hat seitdem wiederholt Fälle zu beurteilen, die in Weltgeschichtsbüchern Erwähnung finden, diese heutige Kosovo-Unabhängigkeits-Entscheidung könnte ein Kapitel abschließen.

Nachtrag 16:15 Uhr: Der ICJ hat in seiner nicht-bindenden Stellungsnahme entschieden, die Kosovo-Unabhängikeits war und ist rechtens. Die Unabhängigkeitseklärung im Februar 2008 verstoße nicht gegen das Völkerrecht. (Der oben angegebene livestream zur Verkündung war wohl völlig überlastet und funktionierte nur temporär)
(Grafik-, Bilderquelle: International Court of Justice.org,
Bilderquelle: Bundeswehr.de, Bw-Truppen rücken von Mazedonien FYROM kommend in den Süd-Kosovo,Prizren vor;
Grafikquelle: CIA.gov, Karte Kosovo)