“Soldatenglück und Gottes Segen!” in der Abflughalle des Flughafens Köln-Wahn Militärischer Teil

Eine ernsthafte und ausführliche Diskussion über die Auslandseinsätze der Bundeswehr hat der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider (Bild oben, am 02.02.11 in Mazar), gefordert. Zugleich sprach er sich für eine größere Aufmerksamkeit für die deutschen Soldatinnen und Soldaten aus: “Es ist wichtig, dass die Menschen, die unser Land in einen solchen Einsatz schickt, nicht allein gelassen werden”, sagte Schneider in seiner Predigt am Sonntag, 15. Mai, im ZDF-Gottesdienst in der Abflughalle des Militärflughafens Köln-Wahn.
Als Kirche und als Mitmenschen seien wir gefragt, den Soldatinnen und Soldaten zur Seite zu stehen, die mit belastenden Erfahrungen aus den Kriegs- und Krisengebieten zurückkehren. Dabei gehe es manchmal nur darum, “das Naheliegende und Lebensdienliche zu tun”, so wie der Engel im 1. Buch der Könige dem Propheten Elia Brot und Wasser reiche. “Das bedeutet nicht”, so der Ratsvorsitzende, “dass wir den Afghanistan-Einsatz in allen seinen Punkten gutheißen. Oder ihm damit gar eine Art kirchlichen Segen geben. Es geht uns um die Menschen, die am Hindukusch ihren schwierigen Dienst tun.”
Unter dem Eindruck des 2. Weltkrieges und seiner Kriegs- und Menschenrechtsverletzungen hätten viele Deutsche eine tiefe Zurückhaltung gegenüber militärischer Gewalt entwickelt. Die evangelische Kirche habe sich die theologische Erkenntnis des Ökumenischen Rates der Kirchen “Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein” nachhaltig zu Eigen gemacht. “Zugleich erkennen Christenmenschen ganz nüchtern, dass es Situationen gibt, in denen wir nicht ohne Schuld bleiben können – was immer wir tun oder unterlassen. So ist es in Afghanistan und so ist es aktuell in Libyen, wo wir nicht eindeutig wissen, welches politische und militärische Verhalten den Frieden und die Gerechtigkeit unter den Menschen fördert.”
Mitunter wünsche man sich Gott als eine Macht, die alle Widerstände hinwegfegt, “auch in unseren politischen Kämpfen gegen Terror und menschenverachtende Gewalt, um endlich der Gerechtigkeit und dem Frieden zum Durchbruch zu verhelfen.” Doch Jesus Christus mahne uns: “Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen.” (Matthäus 26,51). “Deshalb kann der Griff zum Schwert immer nur eine letzte und schuldhafte Option sein. Gottes Wort weist uns darauf hin, dass es nicht möglich ist, Krieg mit Krieg und Böses mit Bösem zu überwinden.”
Der Gottesdienst in der Abflughalle des Militärflughafens Köln-Wahn wurde am Sonntag, 15. Mai, ab 9.30 Uhr im ZDF live übertragen.
Präses Nikolaus Schneider (Bild unten, am 02.02. in Mazar)
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Es gilt das gesprochene Wort!
Predigt über 1. Könige 19, 4-13 im Rahmen des ZDF-Fernsehgottesdienstes zum Thema “Freiheit – am Hindukusch verteidigt?” 15. Mai 2011 // Abflughalle des Militärflughafens Köln-Wahn
Liebe Gemeinde hier und liebe Gemeinde an den Bildschirmen,
“Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter” -
dieser Satz aus dem Mund des Propheten Elia bewegt mich in besonderer Weise. Wir haben ihn in der Lesung gehört.
Elia hatte gekämpft – für Gott und mit Gott gegen falsche Götter und falsche Propheten. Und Elia hatte einen triumphalen Sieg errungen. Gott hatte sich mit seiner Macht auf die Seite Elias gestellt. Das Königspaar Ahab und Isebel hatte den Kult um die Baals-Götzen ins Land geholt – nicht zuletzt zur Sicherung der königlichen Macht. Im Rausch seines Sieges wollte Elia den ‘totalen Sieg’. Er ließ alle gegnerischen Propheten ergreifen, um sie eigenhändig umzubringen.
Nun aber will die Königin Rache und bedroht Elia mit dem Tod. Der Prophet muss um sein Leben fürchten und läuft davon. Er flüchtet in die Wüste und legt sich in den Schatten unter einen Wacholderstrauch.
Elia ist leer und ausgebrannt. Er will nicht mehr kämpfen und nicht mehr streiten. Er will nichts mehr hören, nichts mehr sehen und nichts mehr reden.
Elia ist müde, sterbens-müde:
“Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter” Auch wenn zwischen dem Propheten Elia und uns rund dreitausend Jahre liegen – hier kommt er uns als Mensch nahe.
Heutige Psychologen haben für den Zustand des Propheten ein Wort, das seit einigen Jahren in aller Munde ist: “Burnout”. Bevor dieses Krankheitsbild in den 90er Jahren beschrieben wurde, sprach man manchmal vom “Elia-Syndrom” – was für eine zutreffende Aufnahme des biblischen Bildes. Vielleicht könnte man bei Elia auch von einer “posttraumatischen Belastungsstörung” sprechen, also eine spätere seelische oder psychosomatische Reaktion auf eine ausgesprochen belastende Erfahrung.
Wenn heute Soldaten von dieser Halle aus in den Auslandseinsatz aufbrechen, sind wegen der künftigen Belastungen Psychologen dabei, die sich mit dem Elia-Syndrom auskennen. Wir hörten es ja vorhin aus dem Mund eines Soldaten: ständig kann es geschehen, dass am Rande der Straße ein Sprengsatz gezündet oder ein Konvoi beschossen wird. Und viele, die aus dem Einsatz zurückkehren, tragen die Erfahrung von intensiven Gefechten und stundenlangen Kampfhandlungen in sich: Sie mussten schießen und auch töten. Neben ihnen wurden Kameraden getroffen. Lebensgefährliche und belastende Erfahrungen, die nicht spurlos an ihnen vorübergehen. (weiter…)