“Teure Bundeswehr” – Klartext von Generalleutnant a.D. Hans-Heinrich Dieter

von Sebastian ~ 5. Juli 2011. Zu lesen unter: Sicherheitspolitik.

Die Europäische Verteidigungsagentur (EDA) hat eine interessante Studie zur Effizienz europäischer Armeen veröffentlicht. Gerade im Zusammenhang mit der “Neuausrichtung” der Bundeswehr, die ja vom Einsatz her gedacht werden soll, muss man sich die Ergebnisse nicht nur auf der Zunge zergehen lassen, sondern vor allen Dingen auch im Kopf bewegen.

Der Bericht macht deutlich, dass die Bundeswehr lediglich 7.000 Soldaten einsetzen kann, während es bei den britischen Streitkräften 22.000 und bei der Grande Armee 30.000 Soldaten sein sollen.

Das vereinfachte Ergebnis der Studie: die Bundeswehr ist im Vergleich der europäischen Armeen äußerst ineffizient.

Besonders wichtig sind im Zusammenhang mit der derzeitigen “Neuausrichtung” der Bundeswehr folgende haarsträubende Personalverhältnisse und Kostenrelationen: Gemäß “Wirtschaftswoche”, die sich auf die EU-Studie beruft, stehen hinter jedem Bundeswehrsoldaten im Einsatz 35 Soldaten und 15 zivile Mitarbeiter in Deutschland für den Grundbetrieb und zur Unterstützung. Bei den Franzosen stehen hinter jedem Einsatzsoldaten acht Soldaten und zwei zivile Mitarbeiter in der Heimat, bei den Briten sind es neun Soldaten und vier Zivilisten und EU-weit unterstützen 16 Soldaten und vier Zivilbedienstete die Soldaten im Einsatz. Nach der Studie der EDA liegen außerdem die Ausgaben pro deutschem Soldat im Einsatz mit 5,16 Millionen Euro dreimal so hoch wie im EU-Durchschnitt.

Inzwischen wurde die Bundeswehr im Zusammenhang mit den Guttenbergschen “Reformen” und mit der “Neuausrichtung” de Maizières durch unzählige Politiker und durch die Mehrzahl der Medien mehr oder weniger als “Trümmerhaufen” diffamiert. Ein Trümmerhaufen ist die Bundeswehr wahrlich nicht, sie ist aber in der falschen Struktur. Die eklatanten Strukturdefizite, die jetzt die Bundeswehr zur Großbaustelle machen, und die haarsträubenden Zahlen der EU-Studie sind mit drei Namen maßgeblich verbunden. Der unglückliche Verteidigungsminister Jung hat einsatzbedingte Probleme verdrängt, schöngeredet und die Bevölkerung unwahr informiert – seine Schuld ist allerdings begrenzt, weil er schlecht beraten war und das mit seinen begrenzten Fähigkeiten nicht erkennen konnte. Der langjährig zuständige Staatssekretär Wichert hat sich als graue Eminenz gebärdet und die Bundeswehr nicht zukunftsorientiert gestaltet sondern streng bürokratisch verwaltet. Ihm ist außerdem anzulasten, dass die Wehrverwaltung nicht gezwungen wurde, die personellen Strukturziele der “Reform 2000″ zu erreichen. Generalinspekteur Schneiderhan war der “Erste Soldat der Bundeswehr” mit der längsten Dienstzeit im Amt, aber gleichzeitig der mit der negativsten Wirkung auf die Truppe. Denn er hat die “Reform 2000″ den Veränderungen nicht angepasst, über mehrere Jahre untaugliche Bundeswehrpläne vorgelegt, als Vorsitzender des Rüstungsrates angesichts der aktuellen Beschaffungsplanungen versagt, und als einsatzunerfahrener Offizier die Verbürokratisierung der Einsätze der Bundeswehr zugelassen. Der Bundeswehr hat er auch dadurch geschadet, dass er offensichtlich nicht Manns genug war, die politisch Verantwortlichen sach- und zukunftsorientiert zu beraten, sonst wäre die Bundeswehr nicht in dieser Lage.

Zukünftig sollen 10.000 deutsche Soldaten gleichzeitig in mehreren Einsätzen Dienst tun können. Auch die “Neuausrichtung” der Bundeswehr soll vom Einsatz her gedacht werden, wenn auch nicht ausschließlich. Die Anzahl der Zivilbediensteten soll diesmal tatsächlich deutlich reduziert werden. Die Freiwilligenstreitkräfte Bundeswehr sollen durch diese Reform nun wirklich effizienter und einsatztauglicher werden. Jammern über die Zahlen hilft jetzt genauso wenig wie das Rechten über die Parameter der EU-Studie. Gefragt ist eine große politische und militärische Kraftanstrengung, die auch Geld kostet. (Zitatende)

Der Autor des Textes  “Teure Bundeswehr” (erstellt am 03. Juli 2011) ist Generalleutnant a.D. Hans-Heinrich Dieter (Bild rechts), er war von 1966 bis 2006 aktiver Soldat der Truppengattung Fallschirmjäger in der Bundeswehr. Zuletzt war GenLt Dieter Stellvertreter des Generalinspekteurs der Bundeswehr und Inspekteur der Streitkräftebasis, davor in bundesweiten Verwendungen bei der Truppe, in Stäben, an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, im BMVg in Bonn und Berlin, u.a. war er von 1998 bis 2000 Kommandeur Kommando Spezialkräfte (KSK) in Calw.

Hans-Heinrich Dieter ist Vater von zwei erwachsenen Töchtern und lebt heute mit seiner Ehefrau in Sankt Augustin bei Bonn und verbringt seinen Ruhestand mit seiner Familie, Reisen und Reiten sowie mit Beiträgen zur sicherheitspolitischen Debatte via http://www.hansheinrichdieter.de/index.html aus der Sicht eines Staatsbürgers mit dem Erfahrungshintergrund als Soldat und General.

Soldatenglück.de dankt Generalleutnant a.D. Hans-Heinrich Dieter für die Veröffentlichung seiner Texte im “Streitkräfte-Blog mit dem robusten Mandat”!
Zum Klartext “Freiwilligen-Streitkräfte” vom 02. Juli 2011.
Zum Klartext “Rückzug auf Raten” vom 24. Juni 2011.
Zum Klartext “Afghanistan: US-Amerikaner verhandeln mit Taliban” vom 20. Juni 2011.
Zum Klartext “Aussöhnung mit den Talban” vom 30. Mai 2011
.

Soldatenglück.de berichtete zum Thema: Effizienz der Bundeswehr und Bundeswehr ist ineffizient und im westeuropäischen Vergleich schlecht aufgestellt.

[Bild-, Textquelle kursiv: Hans-Heinrich Dieter.de, Lebenslauf, Aktuelles;
Bilderquelle von oben nach unten: Bundeswehr.de,
Aufnahme von Gebirgsjägern aus der Luft mit Black Hawk von Österreichs Bundesheer, Befehlsausgabe bei der Gebirgskampfausbildung, Artikel “Gefecht im Hochgebirge: Deutsche und österreichische Gebirgsjäger üben gemeinsam”;
Das Luftwaffenmusikkorps 4 marschiert ein, Artikel “Öffentlicher Beförderungsappell der Offizierschule des Heeres”
Fahnenabordnungen des Eurokorps, Artikel “Übergabe in Straßburg: Französischer General übernimmt das Eurokorps”
;
Bundeswehr-Soldaten im ISAF-Einsatz im PRT Feyzabad in Afghanistan;
Gosser Zapfenstreich aus Anlass der Verabschiedung des Staatssekretaers des Bundesministeriums der Verteidigung, Dr. Peter Wichert und des Generalinspekteurs der Bundeswehr, General Wolfgang Schneiderhan. Von links nach rechts: Generalinspekteur der Bundeswehr, General Wolfgang Schneiderhan, der Bundesminister der Verteidigung, Karl-Theodor zu Guttenberg und Staatssekretär des Bundesministeriums der Verteidigung, Dr. Peter Wichert, BMVg.de-Artikel vom 04.12.2009;

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4 Kommentare zu “Teure Bundeswehr” – Klartext von Generalleutnant a.D. Hans-Heinrich Dieter

  1. Ironfawks

    Serh gut Herr Generalleutnant a.D. Hans-Heinrich Dieter, aber Klartext sollte auch von im dienst befindlichen Soldaten gesprochen werden.

  2. Vince

    Der Klartext bringt es auf den Punkt. Ich kann da nur beipflichten.
    Es ist nur schade, dass man von den aktiven Generälen so wenig hört…

  3. Heinz

    Tja, warum hört man wohl von den aktiven Generälen so wenig???? Wer unbequeme Wahrheiten verkündet, wird “bekämpft” – mit allem, was die Bw so aufzubieten hat!

  4. Heinz

    Hinter den Kulissen der Generäle bzw. der Bw:

    http://www.hansheinrichdieter.de/html/10.html
    Hier “der Fall Dieter/Ruwe”:
    http://www.hansheinrichdieter.de/html/der-fall.html

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