“Freiwilligen-Streitkräfte” – Klartext von Generalleutnant a.D. Hans-Heinrich Dieter

von Sebastian ~ 2. Juli 2011. Zu lesen unter: Sicherheitspolitik.

In Deutschland wird die Allgemeine Wehrpflicht nach 55 Jahren vom 1. Juli 2011 an ausgesetzt. Damit wird die Bundeswehr zu Freiwilligen-Streitkräften.

Die Wehrpflicht wurde in Deutschland schon lange halbherzig und nicht hinreichend gerecht gehandhabt. Auch deswegen wurde im Zusammenhang mit der sicherheitspolitischen Lage und den stark reduzierten Mobilmachungserfordernissen immer häufiger mit Recht die Sinnfrage gestellt. Die Schwarz-Gelbe Bundesregierung hat zudem den Grundwehrdienst in Richtung Sinnlosigkeit verkürzt und ad absurdum geführt.

Konditioniertes Aussetzen der Wehrpflicht ist deswegen besser, als von jungen Staatsbürgern einen militärisch unsinnigen und sicherheitspolitisch nicht zu begründenden, zu kurzen Wehrdienst abzuverlangen.

Das Aussetzen der Wehrpflicht mit der Möglichkeit für freiwilligen Wehrdienst beendet die Zumutung für junge Staatsbürger, macht den Weg frei für Wehrgerechtigkeit und befreit die Streitkräfte von der Organisation eines zuletzt unsinnigen Grundwehrdienstes, ohne auf den einsatznotwendigen und wichtigen freiwilligen Wehrdienst von Reservisten aber auch von freiwilligen Bürgern verzichten zu müssen. Deswegen ist für mich – als Befürworter einer sinnvollen Wehrpflicht – der 01.07.2011 ein guter Tag für die Bundeswehr.

Ein guter Tag für die Bundeswehr, es könnte aber ein besserer Tag sein. Denn die Wehrpflicht wurde – wie so vieles in der derzeitigen Politik – überhastet ausgesetzt, ohne dass die Rahmenbedingungen für den freiwilligen Dienst in der Bundeswehr eindeutig geregelt wurden. Über das Aussetzen der Wehrpflicht wurde unzureichend informiert und die Konditionen für den freiwilligen Dienst wurden mangelhaft kommuniziert, auch weil es noch kein stimmiges Konzept gibt und Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung noch nicht entschieden oder noch nicht wirksam sind. Das Aussetzen der Wehrpflicht wird quasi im Schnelldurchgang mitten in die Planungen für die Neuausrichtung der Bundeswehr real und so zu einer zusätzlichen Belastung, anstatt eine Übergangszeit im Einklang mit der Einnahme einer neuen Struktur zu verfügen. Da hat der BundeswehrVerband schon recht, wenn er feststellt, das Aussetzen der Wehrpflicht sei schlecht vorbereitet worden.

Einige Wehrpflicht-Verbissene bemühen nun einmal mehr den drohenden “Staat im Staate” sowie die vermeintlich wegbrechende Verankerung der Soldaten in der Gesellschaft. Die Frage, ob die Bundeswehr in Zukunft genug und vor allem auch die qualitativ richtigen Freiwilligen bekommt, treibt die politische Leitung und die militärische Führung mit Recht um. Die deutsche Gesellschaft scheint allerdings deutlich mehr wegen der nun fehlenden Zivildienstleistenden in sozialen Einrichtungen besorgt. Verteidigungsminister de Maizière beeilt sich deswegen zu sagen, er sehe den Platz der Bundeswehr auch weiterhin in der Mitte der Gesellschaft. Das allerdings ist nur zum Teil eine Frage der Wehrpflicht, sondern eher eine Frage der Akzeptanz deutscher Soldaten, die ihre Pflicht für Deutschland tun, durch die Gesellschaft.

In unserer Gesellschaft ist das Interesse an der Bundeswehr sehr wenig ausgeprägt und, wenn es gut geht, durch “freundliches Desinteresse” gekennzeichnet. In Deutschland darf man Soldaten ungestraft “Mörder” nennen. Die Berichterstattung in den meisten Medien konzentriert sich auf Negativaspekte, auf Skandale und Fehlleistungen von Soldaten. Die Bundeswehr wird auf regionaler und kommunaler Ebene eher als Wirtschaftsfaktor wahrgenommen, denn als Organisation, in der es eine Ehre ist, zu dienen. Die Teilnahme der Soldaten der Bundeswehr am Krieg in Afghanistan wird durch die Mehrheit der Bevölkerung negativ beurteilt, mehrheitliche Solidarität ist von dieser Gesellschaft für Soldaten derzeit nicht zu erwarten. Die Haltung der Gesellschaft der Bundeswehr gegenüber ist indifferent. Die Bundeswehr genießt in der Gesellschaft nicht die Anerkennung, die sie verdient. Und mit der Aussetzung der Wehrpflicht könnten die Streitkräfte im Bewusstsein der Bevölkerung noch mehr an Boden verlieren.

Es ist deswegen Aufgabe der Politik, das Aussetzen der Wehrpflicht intensiv zu begleiten und durch Information, Kommunikation sowie nachhaltige Solidarität mit der Bundeswehr, die Anerkennung des militärischen Dienstes für Deutschland durch die Gesellschaft zu verbessern. Dann werden auch Freiwilligen-Streitkräfte integriert bleiben und dann kann es irgendwann einmal durchaus als Ehre angesehen sein, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen. Mit solchen Rahmenbedingungen ließen sich auch genug und die geeigneten Freiwilligen für die Bundeswehr finden. (Zitatende)

Der Autor des Textes  “Freiwilligen-Streitkräfte” (erstellt am 01 Juli 2011) ist Generalleutnant a.D. Hans-Heinrich Dieter (Bild rechts), er war von 1966 bis 2006 aktiver Soldat der Truppengattung Fallschirmjäger in der Bundeswehr. Zuletzt war GenLt Dieter Stellvertreter des Generalinspekteurs der Bundeswehr und Inspekteur der Streitkräftebasis, davor in bundesweiten Verwendungen bei der Truppe, in Stäben, an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, im BMVg in Bonn und Berlin, u.a. war er von 1998 bis 2000 Kommandeur Kommando Spezialkräfte (KSK) in Calw.

Hans-Heinrich Dieter ist Vater von zwei erwachsenen Töchtern und lebt heute mit seiner Ehefrau in Sankt Augustin bei Bonn und verbringt seinen Ruhestand mit seiner Familie, Reisen und Reiten sowie mit Beiträgen zur sicherheitspolitischen Debatte via http://www.hansheinrichdieter.de/index.html aus der Sicht eines Staatsbürgers mit dem Erfahrungshintergrund als Soldat und General.

Soldatenglück.de dankt Generalleutnant a.D. Hans-Heinrich Dieter für die Veröffentlichung seiner Texte im “Streitkräfte-Blog mit dem robusten Mandat”!
Zum Klartext “Rückzug auf Raten vom 24. Juni 2011.
Zum Klartext “Afghanistan: US-Amerikaner verhandeln mit Taliban” vom 20. Juni 2011.
Zum Klartext “Aussöhnung mit den Talban” vom 30. Mai 2011
.

Soldatenglück.de berichtete zum Thema: Erste Einberufung Freiwillig Wehrdienstleistender in Zahlen, BundeswehrVerbands-Vorsitzender: “Ich trauere der Wehrpflicht nach” oder Wir. Dienen. Deutschland! Auch ohne Wehrpflicht.

[Bild-, Textquelle kursiv: Hans-Heinrich Dieter.de, Lebenslauf, Aktuelles;
Bilderquelle von oben nach unten: Bundeswehr.de,
deutsche ISAF-Soldaten im Afghanistan-Einsatz, Erkundung des Geländes von der Brücke in Chahar Dara in der Provinz Kunduz zur Vorbereitung einer Minensuche;
die ersten Soldaten der Bundeswehr rücken 1955 ein;
Wehrrechtsänderungsgesetz - Plenarsitzung des Deutschen Bundestages am 17. Juni 2010 mit anschließender Abstimmung zum Wehrrechtsänderungsgesetz (Verkürzung der Wehrpflicht von 9 auf 6 Monate);
Rekruten bei der Schießausbildung an dem G36;
GenLt Hans-Heinrich Dieter als aktiver Soldat;
der aus dem Amt scheidende Karl-Theodor zu Guttenberg (re.) und sein Nachfolger Dr. Thomas de Maiziere (li.), der soeben im Berliner Schloss Bellevue ernannte Bundesminister der Verteidigung. Foto vom 03.03.2011;
deutscher ISAF-Soldat der Bundeswehr in Afghanistan;
deutsche ISAF-Soldaten auf Patrouille;
Rekruten während ihrer Ausbildung beim Szenario Verwundetentransport]

bookmarks

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Digg
  • del.icio.us
  • StumbleUpon
  • Webnews
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Tausendreporter
  • Technorati
  • BlinkList
  • Folkd
  • Furl
  • blogmarks
  • Netselector
  • newskick
  • Newsrider
  • Oneview
  • Weblinkr
  • YahooMyWeb

Einen Kommentar hinterlassen

« Back to text comment