“Rückzug in Raten” – Klartext von Generalleutnant a.D. Hans-Heinrich Dieter

von Sebastian ~ 24. Juni 2011. Zu lesen unter: Sicherheitspolitik.

Die amerikanische “Begeisterung” für militärische Interventionen hat bisher viel Geld gekostet und die US-Schuldenkrise maßgeblich heraufbeschworen, deswegen ist es verständlich, dass die amerikanische Bevölkerung kriegsmüde ist und Präsident Obama sparen will.

Die USA haben aber zusammen mit der internationalen Staatengemeinschaft Verantwortung für den Aufbau Afghanistans und die Sicherheit der geschundenen afghanischen Bevölkerung übernommen. Diese Verantwortung ist durch den Tod Bin Ladens in keiner Weise geschmälert, denn Al Qaida hat einen neuen Chef und ist global weiterhin schlagkräftig. Die Taliban wollen unverändert das Volk islamistisch unterdrücken. Und Afghanistan ist angesichts der korrupten Administration, des ungeschmälerten Drogengeschäftes und unzureichender sowie unterwanderter Sicherheitsstrukturen von Stabilität weit entfernt. Trotz dieser fragilen Lage ist die Übergabe der Verantwortung für die Sicherheit der afghanischen Bevölkerung bis 2014 terminiert, ob diese Übergabe der Verantwortung verantwortbar ist, muss die reale Lageentwicklung ergeben. Denn den “Sieg erklären” und abziehen, ist bekanntlich keine gute Lösung.

Ende 2009 hat Präsident Obama auf verstärkte Operationen der Taliban reagiert und die US-Truppen um 30.000 Mann verstärkt, um die islamistischen Extremisten nachhaltig zu schwächen. Die damalige Verstärkung sollte auch den damals schon acht Jahren dauernden Militäreinsatz am Hindukusch möglichst zu einem erfolgreichen Ende führen. Die Taliban sind in einigen Regionen zurückgedrängt, sie sind aber alles andere als kampfunfähig. Sie haben ihre Aktionen in weniger gefährliche Regionen mit weniger schlagkräftigen Kampftruppen, wie den deutschen Verantwortungsbereich im Norden Afghanistans, mit Erfolg verlagert. Die jüngsten Anschläge im Raum Kunduz und in der Provinz Baghlan belegen die Schlagkraft der Taliban. Die Zunahme von Anschlägen auf die deutschen Soldaten gilt als wahrscheinlich und wenn auch die Hauptbedrohung von IED-Sprengfallen (Improvised Explosiv Device) ausgehen mag, so zeigt doch ein Anschlag, bei dem 200 Kg Sprengstoff zur Wirkung gebracht werden, die einen Schützenpanzer Marder zerstören und einen Krater von sieben mal elf Metern und vier Meter Tiefe reißen eine operative Qualität weit über dem Anbringen “improvisierter” Sprengfallen. Bei nüchterner Beurteilung der Lage kann man feststellen, dass die damalige Verstärkung nur Teilerfolge gebracht hat. Die Aussicht auf ein “erfolgreiches Ende” des Militäreinsatzes am Hindukusch wurde durch diese Verstärkung nicht wesentlich verbessert.

Nun wollen die USA bis Ende 2012 just jene 30.000 Kampftruppen abziehen, ohne dass die Taliban nachhaltig geschwächt sind. Noch in 2011 will Präsident Obama 10.000 Soldaten in die USA holen. Welch ein kraftvolles Signal an die kriegsmüden Amerikaner, die internationale Staatengemeinschaft – und an die Taliban. Mit Blick sowohl auf ihre Verantwortung gegenüber den USA als auch gegenüber Afghanistan haben Verteidigungsminister Robert Gates und der ISAF-Kommandeur Petraeus einen Abzug von zunächst 3000 bis 5000 Mann empfohlen, da sollte Präsident Obama nicht aus innenpolitischen Gründen die Zahl 10.000 aus dem Hut ziehen. Nicht ohne Grund hat vor allem Verteidigungsminister Robert Gates vor einem überhasteten Rückzug gewarnt, der den Taliban in die Hände spielt und die Fortschritte in Afghanistan gefährdet. Aber auch die Supermacht USA macht leider von Innen-und Parteiinteressen getriebene Sicherheitspolitik.

Die NATO hat Ende 2010 auf ihrem Gipfel in Lissabon beschlossen, bis Ende 2014 alle Kampftruppen der internationalen Staatengemeinschaft vom Hindukusch abzuziehen. Bis dahin muss eine gesellschaftliche, politische und militärische Lage geschaffen werden, die es verantwortbar erscheinen lässt, die Sicherheitsverantwortung stufenweise an einheimische Kräfte zu übergeben. Dazu werden an sich eher mehr als weniger Kampftruppen gebraucht, insbesondere, wenn die Taliban die in afghanische Verantwortung übergebenen Regionen wieder unter ihre Kontrolle bringen.

Parallel bemühen sich die USA zusammen mit der afghanischen Regierung, unterstützt durch die Staatengemeinschaft um eine Verhandlungslösung mit den Taliban. Weder die USA noch die afghanische Regierung verhandeln dabei aus einer Position der Stärke heraus, im Gegenteil. Mit jedem Truppenabzug während der Verhandlungen wird die Position der Taliban – sicher auch in den Augen der afghanischen Bevölkerung – gestärkt. Aus einer Position der Stärke heraus sind von den islamistischen Extremisten kaum weitgehende Zugeständnisse zu erwarten.

Es ist anzunehmen, dass Minister Gates mit seiner Beurteilung Recht hat, wenn er befürchtet, dass ein überhasteter oder vorzeitiger Rückzug von Kampftruppen, und sei es auch in Raten, den Taliban in die Hände spielt und die durchaus erkennbaren Fortschritte in Afghanistan gefährdet. (Zitatende)

Der Autor des Textes “Rückzug in Raten” (erstellt am 22. Juni 2011) ist Generalleutnant a.D. Hans-Heinrich Dieter (Bild rechts), er war von 1966 bis 2006 aktiver Soldat der Truppengattung Fallschirmjäger in der Bundeswehr. Zuletzt war GenLt Dieter Stellvertreter des Generalinspekteurs der Bundeswehr und Inspekteur der Streitkräftebasis, davor in bundesweiten Verwendungen bei der Truppe, in Stäben, an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, im BMVg in Bonn und Berlin, u.a. war er von 1998 bis 2000 Kommandeur Kommando Spezialkräfte (KSK) in Calw.

Hans-Heinrich Dieter ist Vater von zwei erwachsenen Töchtern und lebt heute mit seiner Ehefrau in Sankt Augustin bei Bonn und verbringt seinen Ruhestand mit seiner Familie, Reisen und Reiten sowie mit Beiträgen zur sicherheitspolitischen Debatte via http://www.hansheinrichdieter.de/index.html aus der Sicht eines Staatsbürgers mit dem Erfahrungshintergrund als Soldat und General.

Soldatenglück.de dankt Generalleutnant a.D. Hans-Heinrich Dieter für die Veröffentlichung seiner Texte im “Streitkräfte-Blog mit dem robusten Mandat”!
Zum Klartext “Afghanistan: US-Amerikaner verhandeln mit Taliban” vom 20. Juni 2011.
Zum Klartext “Aussöhnung mit den Talban” vom 30. Mai 2011
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Soldatenglück.de berichtete zum Thema: General a.D. Egon Ramms: “Wenn die Amerikaner im Norden abziehen, dann stehen die Deutschen mit ziemlich kurzen Röckchen da” Afghanistan: USA werden 33.000 Soldaten abziehen (Video)BundeswehrVerband befürchtet negative Folgen des US-Truppen-Abzugs am Hindukusch und Barack Obama: Yes we will return from Afghanistan (Video)

(Bild-, Textquelle kursiv: Hans-Heinrich Dieter.de, Lebenslauf, Aktuelles;
Bilderquelle von oben nach unten: Defense.gov, President Barack Obama and Defense Secretary Robert M. Gates participate in a 9/11 commemoration ceremony at the Pentagon, Sept. 11, 2009. It marks the eighth anniversary of the terrorist attacks that killed 59 passengers onboard hijacked American Airlines flight 77 which crashed into the Pentagon to kill 125 inside. DOD photo by U.S. Navy Petty Officer 1st Class Chad J. McNeeley;
President Barack Obama shakes hands and thanks soldiers for their dedicated service to the nation after speaking inside the 10th Combat Aviation Brigade’s dining facilities at Fort Drum, N.Y., June 23, 2011. The soldiers, assigned to the 10th Mountain Division’s 1st Brigade Combat Team, were among the first to serve in Afghanistan following the terrorist attacks of Sept. 11, 2001. U.S. Army photo by Steve Ghiringhelli;
U.S. Defense Secretary Robert M. Gates talks to Marines deployed to Camp Leatherneck located on Field Operating Base Bastion, Afghanistan, during a recent trip to Southwest Asia May 7, 2009. DOD photo by U.S. Air Force Master Sgt. Jerry Morrison;
Gen. David H. Petraeus, commander of NATO and International Security Assistance Force troops in Afghanistan, visits the French 7th Mountain Infantry Battalion at Forward Operating Base Kutschbach, during a battle field circulation, April 21. Petraeus also visited with Afghan National Army Troops working alongside ISAF Troops in the area. ISAF, in support of the Government of the Islamic Republic of Afghanistan, conducts operations in Afghanistan to reduce the capability and will of the insurgency, support the growth in capacity and capability of the Afghan National Security Forces, and facilitate improvements in governance and socio-economic development, in order to provide a secure environment for sustainable stability that is observable to the population. Photo by U.S. Navy Chief Petty Officer Joshua Treadwell;
Bundeswehr.de, Schützepanzer MARDER im ISAF Einsatz in Afghanistan.)

1 Kommentar zu “Rückzug in Raten” – Klartext von Generalleutnant a.D. Hans-Heinrich Dieter

  1. Robert

    FRAGE an ALLE: Kennt jemand Blogs von (Ex-)Soldaten die in Afghanistan dienen oder gedient haben und dort über ihren Alltag und die Erfahrungen (mit Bildern) berichten? Würde mich über entsprechende Links sehr freuen, Danke.

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