Selsingen: Trauer um Oberfeldwebel Florian Pauli aus Halle/Saale (Video)
von Sebastian ~ 15. Oktober 2010. Zu lesen unter: Bundeswehr, Gedenken, Video.“Es war dieser Gedanke des Helfens,
der schon früh einen so wichtigen Platz in seinem Leben einnahm”
Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung nahmen heute in Selsingen (Niedersachsen) in der St. Lamberti Kirche nahe des Standortes des Fallschirmjägerbataillons 313 (LLBrig 31) in Seedorf Familienangehörige, Freunde und Kameraden Abschied von Oberfeldwebel Florian Pauli, der am 07. Oktober in Afghanistan bei einem Selbstmordanschlag gefallen war.
Florian Pauli (Jahrgang 1984) war im Zivilberuf ausgebildeter Rettungsassistent, nach der Schule absolvierte er in seiner Heimatstadt Halle an der Saale ein Freiwilliges Soziales Jahr und trat
2005 in die Bundeswehr in den Sanitätsdienst ein. Im Zuge seiner dienstlichen Verwendungen wurde Florian Pauli Sanitätsfeldwebel und auch Fallschirmjäger, das Helfenwollen begleitete sein Leben, er wurde nur 26 Jahre alt, sein junges Leben endete in Afghanistan.
Seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr wurden 44 Soldaten der Bundeswehr am Hindukusch getötet, die Mehrzahl fiel bei Gefechten oder Sprengstoffanschlägen.
Mehr bei Bundeswehr.de: Trauerfeier in Selsingen: “Ruhe in Frieden, Soldat!”
Soldatenglück.de berichtete Baghlan/Afghanistan: Ein Bundeswehr-Soldat durch Selbstmord-Anschlag gefallen, sechs Soldaten verwundet (Videos)Â und Kunduz/Afghanistan: Trauerfeier für den am 07. Oktober 2010 nahe Baghlan gefallenen Kameraden (Video)
Wer den Angehörigen des gefallenen Kameraden kondolieren möchte, der kann dies unter http://www.kondolenzbuch-online.de/cgi-bin/2010/books/000375.pl?&action=view&start=1 tun.
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Die Rede von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg anlässlich der Trauerfeier für den am 07. Oktober 2010 gefallenen OFw Florian Pauli in der St. Lamberti-Kirche am 15. Oktober 2010 in Selsingen:
Sehr verehrte, liebe Frau Pauli,
sehr verehrter, lieber Herr Pauli!
Verehrte Angehörige!
Soldatinnen und Soldaten!
Sehr verehrte Trauergemeinde!
Wir trauern und wir weinen um Oberfeldwebel Florian Pauli. Mit unbändiger, mit grausamer Gewalt wurde er herausgerissen aus unserer Mitte, aus der Mitte seiner Familie, jener, die ihn lieben. Aus der Mitte seiner Freunde und Kameraden. Mit Gewalt, mit perfider und feiger Gewalt, plötzlich, endgültig und unfassbar.
Erneut vereinen uns Schmerz und Anteilnahme und die unerbittliche Last der Verantwortung, hier in Selsingen, in der St. Lamberti Kirche. Gerade einmal ein halbes Jahr ist es her, dass wir hier gemeinsam um gefallene Soldaten getrauert haben und uns so sehr wünschten, nicht deswegen wiederkehren zu müssen. Und doch sind wir auch heute hier, um Abschied zu nehmen von Florian Pauli. Von Oberfeldwebel Florian Pauli, aber auch von Ihrem Florian, Ihrem Sohn, Ihrem Enkel, Ihrem Bruder, Ihrem Freund, Ihrem Kameraden, Ihrem Gefährten.
Er hat sein Leben im Dienste seines Vaterlandes, der Bundesrepublik Deutschland, verloren.
Er hat es verloren. Er hat es für uns verloren, weil er tapfer und mutig seine Pflicht in Afghanistan erfüllt hat. Und ist er auch uns verloren? Nein. Weder im Gedächtnis noch im Herzen. Und freilich, ein Herz, was für Sie, liebe Angehörige, zerrissen scheint.
Oberfeldwebel Florian Pauli ist am 7. Oktober bei Pol-E-Khumri gefallen. Er ging als Sanitätsfeldwebel nach Afghanistan um zu helfen. Nicht aus sinnloser Abenteuerlust, sondern um zu helfen. Um Menschen zu helfen und einer Region zu helfen, deren Sicherheit auch für uns maßgeblich ist. Er wollte seine Pflicht erfüllen, und er wollte sich gerade auch für die einsetzen, die auf Hilfe angewiesen sind.
Gerade das haben jene ausgenutzt, die in ihrem menschenverachtenden Zynismus den Verlust von Menschenleben bewusst beabsichtigen. Jene, die mit ihrem Handeln ihre eigene Religion und Kultur nur noch verhöhnen.
Wie groß müssen Hass und Verblendung sein, um in der Gestalt eines vermeintlich Hilfsbedürftigen dem Helfer entgegen zu treten und sich dann in die Luft zu sprengen? Wir empfinden Fassungslosigkeit und ich empfinde die gewaltige Schwere der Verantwortung für das Leben eines Soldaten, aber auch die Verantwortung dafür, dass dieser erlebte Wahnsinn niemals seinen schrecklichen Siegeszug in unserer Welt antritt.
Oberfeldwebel Pauli konnte seinen Auftrag in Afghanistan nicht zu Ende führen. Jäh wurde sein Leben abgebrochen. Abgebrochen, wie auch die vielen, vielen Pläne für die Zeit nach dem Einsatz. Pläne eines jungen, mitten im Leben stehenden Menschen. Florian Pauli ist gerade einmal 26 Jahre alt geworden.
Er wurde 1984 in Halle geboren. Nach seiner Schulzeit leistete er mit einem freiwilligen sozialen Jahr im Alten- und Pflegeheim in Halle bereits einen bedeutenden Dienst an unserer Gesellschaft. Es war dieser Gedanke des Helfens, der schon früh einen so wichtigen Platz in seinem Leben einnahm.
2002 begann er seine Ausbildung zum Rettungsassistenten. Drei Jahre später, nach abgeschlossener Berufsausbildung, ging er zur Bundeswehr. Nach der Ausbildung im Sanitätsregiment 12 in Fürstenau führte ihn seine erste Aufgabe als Feldwebel und Truppführer zu den Heeresfliegern nach Fassberg.
2007 folgte die Versetzung von Fassberg nach Varel zu den Fallschirmjägern. Noch im selben Jahr verlegte er mit seinem Bataillon an den neuen Standort Seedorf. Dort leistete er als Sanitätsfeldwebel in der ersten Kompanie des Fallschirmjägerbataillons 313 seinen Dienst – stolz und gerne.
Oberfeldwebel Pauli war Fallschirmjäger und Sanitäter aus Überzeugung und mit Passion. Seine Kameraden kannten ihn als optimistischen, als lebensbejahenden Menschen, als verlässlichen und guten Kameraden. Neben seinen be-sonderen Interessen im Winter für das Snowboard und im Sommer für das Mountain-Bike war er vor allem ein begeisterter Motorradfahrer. Noch vor dem Einsatz hatte er sich ein neues Motorrad gekauft und sich damit einen großen Wunsch erfüllt.
Liebe Angehörige! Sie haben Ihren Sohn, Ihren Enkel, Ihren Bruder verloren. Und meine klagenden wie dürren Worte können diesen unwiederbringlichen Verlust nicht be-schreiben. Worte bleiben wohl immer unvollkommen. Florian Paulis Tod reißt eine nicht zu schließende Lücke.
Viele Menschen in unserem Land, junge und ältere, Soldatinnen und Soldaten und andere sind in diesen Tagen, und ganz besonders heute auch, in Gedanken bei Ihnen. Stell-vertretend für viele darf ich die Frau Bundeskanzlerin benennen und die hier anwesenden Mitglieder der Bundesregierung, den Ministerpräsidenten McAllister, zahlreiche Abgeordnete, die heute hier sind, und ich danke Ihnen allen, die Sie heute hier sind, dafür, dass Sie hier sind. Dass Sie in Ihren Herzen, Gedanken und Gebeten Familie Pauli mit begleiten. Und ich darf noch zwei erwähnen, was ich von Herzen gern tue. Unter uns ist Hauptfeldwebel Röntkendorf, der dieses Jahr sein Augenlicht im Einsatz verloren hat. Er ist heute hier in Uniform und er ist heute hier, hat er mir vorhin gesagt, um etwas zurückzugeben. Das sind Worte, die ich auch nie vergessen werde. Und es ist unter uns Frau Bruns. Frau Bruns, danke, dass Sie hier sind. Wir haben Ihren Mann vor 6 Monaten auch hier betrauern müssen, und Sie beide geben uns, uns allen und der Truppe, eine unglaubliche Kraft. Danke hierfür.
Wir wissen: Worte können das Geschehene nicht ungeschehen machen. Und doch tragen unsere Erinnerungen an die vielen Begegnungen, an die gemeinsam verbrachte Zeit, an manches Lächeln, an manches Lachen, an man-che Berührungen – und das mag nicht nur eine tatsächliche Berührung sein, sondern vielleicht auch eine der Seele – dazu bei, ihn, unseren Florian Pauli, im Gedächtnis zu erhalten. Auch die Würdigung seines Einsatzes, den er mutig, tapfer erbracht hat, trägt dazu mit bei. Denn: Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der lebt fort und der ist nicht tot. Tot und fort wäre nur, wer vergessen wird.
Liebe Angehörige! Wir trauern mit Ihnen. Unser Land trauert mit Ihnen. Nicht hinter verschlossenen, hinter verrammelten Türen, nicht verschämt im Verborgenen, sondern, gottlob, in ehrlicher und gebotener Offenheit.
Offen, offen und ehrlich, wie wir inzwischen in unserem Land über die Bedingungen des Krieges, dieses Einsatzes, sprechen müssen. Offen und ehrlich, und Sie haben es von mir verlangt, vorhin im Gespräch, wie wir inzwischen auch die damit verbundenen Risiken und Gefahren bei ihrem Namen nennen und bei ihrem Namen zu nennen haben. Und wie wir uns jeden Tag aufs Neue prüfen müssen, ob wir genug tun, um unsere Soldaten auch zu schützen.
Offen und ehrlich, wie wir selbst mit Zweifel und mit Zorn ringen müssen und wie wir uns inzwischen auch der Möglichkeiten und Grenzen unseres Einsatzes mancher Illusi-on, aber gleichwohl auch der Ziele bewusst sind.
Oberfeldwebel Pauli hat in seinem Eid geschworen, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des Deutschen Volkes tapfer zu verteidi-gen. Ja, tapfer. Wir lassen junge Menschen schwören, für unser Land tapfer zu sein. Und dann sind sie es und dann sterben sie tapfer. Die Anerkennung darf nicht erst hier be-ginnen. Unsere Soldaten verdienen grundsätzlich diese Anerkennung, diese Unterstützung, den Schutz, die Füsorge und dort, wo es geboten ist, auch Geborgenheit. Florian Pauli hat diesen Eid erfüllt, er hat ihn erfüllt von ganzem Herzen. Er hat ihn in letzter Konsequenz erlitten und er hat dafür sein Leben gegeben. Er ist für unser Land gefallen.
Ich verneige mich in größter Dankbarkeit und Anerkennung.
Meine Gedanken gelten in diesen schweren Tagen und Stunden auch seinen verwundeten Kameraden, seiner Kompanie und den Soldaten des Standortes Seedorf mit ihren Angehörigen, die nun schon wiederholt großen Schmerz und tiefe Trauer durchleben müssen. Niemals kann und dürfen dieser Einsatz und seine zum Teil so erschütternden Folgen Routine werden, niemals die Trauer und die Begleitung Ritual.
Sie sollen wissen: Sie alle sind in diesem Schmerz und in dieser Trauer nicht allein. Wir nehmen daran Anteil. Deutschland nimmt daran Anteil. Und die vielen Zeichen der Verbundenheit hier in Seedorf, am Standort, in der Bundeswehr und auch im ganzen Land sind ein Ausdruck tiefer Anerkennung, die wir alle unseren Soldaten schulden. Wir werden Oberfeldwebel Florian Pauli vermissen. Was bleibt? Der Gedanke, die lähmende Angst, ein besonnenes, ein verschmitztes, ein fröhliches, ein nachdenkliches Gesicht zu vergessen? Nein. Die Kraft der Liebe, verehrte Angehörige, große Freundschaft, Kameraden und die Dankbarkeit von uns allen kann jeden Anflug von Furcht vor dem Vergessen wiederum vergessen lassen.
Ruhe in Frieden, Soldat, und sei in Gottes Segen geborgen. (Zitatende)
[Bilderquelle: Bundeswehr.de, Trauerfeier in der St.Lamberti-Kirche in Selsingen (Niedersachsen) für Oberfeldwebel Florian Pauli am 15.10.2010, Verteidigungsminister Dr. Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg und der Generalinspekteur der Bundeswehr General Volker Wieker nahmen an der Zeremonie teil;
Textauszug kursiv: BMVg.de;
Videoquelle: via YouTube, Dank an FB353]


























17. Oktober 2010 um 07:14 Uhr
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