Eine Kriegs-Gefangenschaft – von Sanssouci über Norwegen nach Pas-de-Calais und zurück (Teil 3)
von Dirk ~ 29. März 2010. Zu lesen unter: Militärgeschichte.Dies ist ein Bericht über meine Dienstzeit
beim Reichsarbeitsdienst
vom 1. April 1943 bis September 1943,
bei der Kriegsmarine
vom November 1943 bis 14. Mai 1945
und der anschließenden Kriegsgefangenschaft
bis September 1948.
(Vierter Teil) Dritter Teil (Zweiter Teil) (Erster Teil)
Kriegsgefangenschaft in Frankreich
Anfang April 1946 schlug endlich meine Stunde. Alle, die für die Landwirtschaft eingeteilt waren, wurden herausgerufen und mußten sich auf der Lagerstraße aufstellen, um für die Musterung durch ihren zukünftigen Patron bereit zu sein. Wie auf einem Sklavenmarkt kamen die Bauern um sich ihren Sklaven, das heißt ihren Feldarbeiter, auszusuchen. Einige Bauern untersuchten auch wie auf einem Sklavenmarkt Muskeln und Statur der Betreffenden. Ich war der Jüngste und wurde zu meinem Leidwesen gar nicht beachtet. Ganz bestimmt hatte ich von allen, die hier versammelt waren, die geringste Erfahrung. Erst nach einiger Zeit, es war schon fast Mittag, kam ein Franzose mit einer Schiebermütze auf mich zu und forderte mich auf, mit ihm zu kommen. Ich mußte aber erst meine Sachen holen, und dabei holte ich mir auch noch meine Mittagssuppe ab, um sie schnellstens aus dem Kochgeschirr zu schlürfen. Das dauerte eine Weile, und als ich wieder bei “meinem” Bauern ankam, schüttelte der nur den Kopf, als ich ihm erzählte, daß ich erst noch die Suppe hätte essen müssen, weil mein Hunger zu groß war.

Hans Niemeyer in Wehrmachtsuniform der Kriegsmarine
Nach den Formalitäten beim Verlassen des Lagers steuerte mein Bauer auf die Bahnhofswirtschaft zu, um nun selbst erst einmal sein Mittagessen zu verspeisen. Er war sehr erstaunt, als ich mich weigerte, die Wirtschaft zu betreten, dabei befolgte ich doch nur die Vorschriften. Man hatte uns die Verhaltensregeln für Kriegsgefangene bei Arbeitseinsätzen außerhalb des Lagers genau eingebläut, im Falle man aus dem Lager heraus kommen würde. Darin hieß es, daß man Wirtschaften nicht betreten und in Bussen und Bahnen stehen sollte. Schließlich, um weiteres Aufsehen zu vermeiden, betrat ich mit ihm die Wirtschaft. Er steuerte auf einen freien Tisch zu und setzte sich. Laut Lagerbefehl durfte ich weder die Wirtschaft betreten noch mich an einen Tisch setzen. Wieder mußte ich den Befehl übertreten und mich zu ihm an den Tisch setzen. Wir waren nicht allein in dem Lokal, auch andere Leute, die auf den Zug warteten, tranken hier ihr Bier oder ihren Wein zu den mitgebrachten Broten. So auch mein Bauer. Kaum saßen wir, entleerte er seinen Rucksack. Da kamen die schönsten Dinge auf den Tisch: eine ganze große Büchse mit Kaninchenpastete und jede Menge Brot, und dazu ließ er sich einen Vin rouge bringen. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. So etwas hatte ich schon lange nicht mehr gesehen, geschweige denn gegessen. Der Hunger im Bauch rumorte, und ich konnte kaum an mich halten. Dieser Zustand sollte aber nicht lange dauern, denn plötzlich schob er mir sein Messer hin und ermunterte mich, nach Belieben zuzugreifen, was ich mir natürlich nicht zweimal sagen ließ. Als der Zug dann kam, waren Pastete und Brot gegessen. Beim Wein hatte ich mich zurückgehalten, um nicht die Kontrolle zu verlieren, und das war gut so, weil ich bei der anschließenden Fahrt mit der Eisenbahn sicherlich die Balance verloren hätte, denn ich mußte ja stehen: Als “PG” (Prisonnier de Guerre) war mir das Sitzen im Zug und in öffentlichen Verkehrsmitteln verboten. Der Zug fuhr nach Anvin (P.d.C.).
Kirche von Anvin im Départment Pas-de-Calais
Nach etwa eineinhalb Stunden hatten wir diesen Ort erreicht. Dort erwartete uns die Schwester meines Bauern mit einem in Frankreich zu dieser Zeit üblichen zweirädrigen Pferdewagen. Sie übernahm meinen Transport bis zur Ferme, während mein Bauer mit dem Fahrrad, das er in Anvin untergestellt hatte, nebenher fuhr. Der Name meines Bauern war Achille Broussel, er hatte sich in der Bahnhofswirtschaft von Hesdin vorgestellt, und ich nannte ihn in Zukunft immer nur Achille. Ich hatte mich natürlich auch vorgestellt, aber weil der Franzose Hans nicht sprechen kann, nannten mich alle Jean. Achille war noch nicht lange aus der Gefangenschaft, die er in Wien verbracht hatte, zurück und führte den Hof, auf den seine Schwester eingeheiratet hatte. Vor Achilles Rückkunft aus Wien hatte sich, nach dem frühen Tod seines Schwagers, Onkel Leon auf der Ferme breit gemacht. Onkel Leon war der Nachbar, aber auch der Bruder der Mme. Roche, der Besitzerin des Hofes. Der sollte dadurch vertrieben werden, daß ein weiterer Arbeiter, also ich, geholt wurde. Das erfuhr ich aber erst später. Zunächst befanden wir uns, die Madame Berte, die ich weiterhin nur Berte nennen werde, und ich, auf dem Weg von Anvin nach Ligny les Aire, La Tirmande. Berte konnte natürlich kein Wort Deutsch und ich nur wenig Französisch. Also kam es gar nicht zu einer Unterhaltung. Sie gab mir die Leine in die Hand, und ich sollte das Pferd lenken. Zum Glück war es kein temperamentvolles Tier, und es hielt mein Zupfen an der Leine ruhig aus, bis ich von Achille hörte, der neben unserem Gefährt auf seinem Fahrrad fuhr, daß die Richtung durch “Zupfen” = rechts und “Ziehen” = links bestimmt werden mußte. So ging denn auch alles ganz gut. Als Berte ihre Brote herausholte, bekam ich Stielaugen, und als sie mir diese sogar anbot, konnte ich nicht widerstehen und griff gierig zu. Ich war geradezu verhungert! Hier hatte ich offenbar, weil mir alle so freundlich entgegenkamen, das große Los gezogen.
Als wir nach Ligny les Aire kamen, bot sich mir ein merkwürdiges Landschaftsbild: Vor mir erstreckte sich eine sanfte Hügellandschaft. Alle Flächen waren kultivierte Äcker oder Wiesen. Hier und da sah man in der Ferne ein Dorf. Aber dominierend waren hohe, spitze Schuttberge, die überall aus der Landschaft herauswuchsen – die Abraumberge von Kohlenbergwerken. Diese Schuttberge waren bis zu 60 oder 70 m hoch. An einer Flanke hatten alle einen schmalen Schienenstrang, auf welchem eine Schuttlore hochgezogen wurde, die sich oben entleerte. Wir fuhren geradewegs auf einen dieser Berge zu. Der Feldweg verlief entlang einer Bahnstrecke zur Kohlenmine und am Fuße des Schuttberges lag die Ferme.
(Mines de Ligny les Aire mit Abbau-Pyramide)
Von den Personen, mit denen ich auf dem Bauernhof zu tun bekam, muß ich zuerst Madame Roche nennen, die Madame la Patrone. Ihr gehörte alles, und sie hatte das absolute Sagen, was sie nie autoritär ausnutzte. Dann war da ihre Schwiegertochter, Berte, mit ihren beiden Töchtern, Marie-Rose und Marie-Leontine, sowie Achille Broussel, der Bruder von Madame Berte. Sie alle wohnten auf der Ferme. Dann gab es noch Auguste, weiterhin Guste genannt, einen pensionierten Minenarbeiter, der nicht weit von der Ferme in einem zur Ferme gehörigen kleinen Häuschen wohnte. Er arbeitete auch auf dem Hof, meist mit mir zusammen, und ich habe durch ihn viel gelernt.
Achille war mit dem Fahrrad vorausgefahren und empfing uns gemeinsam mit Madame Roche und den Töchtern von Berte. Alle waren bei der Begrüßung noch sehr zurückhaltend. Sie mußten mich ja auch erst kennenlernen. Nur mit Achille hatte ich schon einen gewissen Kontakt. Aber er mußte auch erst prüfen, inwieweit ich seinen Anforderungen genügen würde, und danach erst würde sich herausstellen, ob die Familie mir zu Recht vertrauen konnte. Zunächst einmal zeigte mir die Madame meine Dachkammer. Das war ein kleiner Raum mit einem Bett mit Strohsack, einem kleinen Tisch, einem Stuhl und einem Regal, wo ich meine Sachen unterbringen konnte. Licht bekam ich durch eine Dachluke. Aber es gab auch elektrisches Licht. Waschen konnte ich mich in der Waschküche. Ein Badezimmer gab es auf der Ferme nicht, aber die Waschküche reichte aus, und wenn man allein sein wollte, dann konnte man die Tür abschließen. Die Wäsche wurde von Madame Roche gewaschen, damit hatte ich nichts zu tun.
Nachdem mir Madame alles erklärt hatte, rief Achille schon nach meiner Hilfe. Er stand schon bereit mit den Pferden und wollte mit mir hinaus zur Feldarbeit. Es war ja erst etwa 17 Uhr und Mitte April und daher noch hell genug zum Arbeiten, wobei ich gleich lernte, daß in der Landwirtschaft mehr nach der Sonne als nach der Uhr gearbeitet wird. Er wollte auf dem neben der Ferme gelegenen Roggenfeld grubbern. Der Roggen war schon aufgelaufen, und gegen das ebenfalls auflaufende Unkraut sollte gegrubbert werden. Dabei müssen die Pferde, die den Grubber ziehen, absolut geradeaus laufen, sonst läuft der Grubber aus der Reihe und schneidet mit seinen Zinken auch die Roggenpflänzchen ab. Ich sollte die Pferde führen und tat das auch so gut, wie möglich. Na ja, Achille war mit meiner ersten Arbeit nicht ganz zufrieden, aber er hatte doch bemerkt, daß ich mich angestrengt hatte, um alles gut zu machen. Als wir dann mit der Arbeit fertig waren, ging es wieder zur Ferme zurück, und die Pferde – insgesamt vier Pferde – wurden gefüttert. Dabei bekam ich den Auftrag, vom Kornboden einen Sack Hafer zu holen, um damit die Haferkiste wieder zu füllen. Hafer ist wegen der vielen Spelzen ein leiches Getreide und die gefüllten Säcke wiegen nicht mehr als ca. 40 kg. Das schaffte ich zwar gerade noch, aber das Abladen des Sackes klappte nicht, und ich flog mitsamt dem Sack in die Haferkiste. Durch die langen Monate ohne richtiges Essen war ich völlig geschwächt.
Das Abendessen wurde gemeinsam eingenommen, das heißt, ich saß mit am Tisch und durfte essen, was ich wollte und soviel ich wollte. Ich wunderte mich natürlich über die gute Behandlung. Als mir Achille dann später die Geschichte seiner Kriegsgefangenschaft erzählte, wurde mir vieles klar. Achille war während des Krieges zusammen mit anderen französischen Kriegsgefangenen zu einem Kohlenhändler in Wien gekommen und hatte gemeinsam mit seinen französischen Kameraden die ganze Zeit über mit Pferd und Wagen Kohlen an Haushalte ausgeliefert, denn die Arbeiter in Wien waren ebenso zum Militär eingezogen, wie die deutschen. Das war für alle ein einträgliches Geschäft. Bei dem Mangel der allerorts herrschte war jeder froh, wenn der Kohlenlieferant erschien. Wenn dann die Kohlen auch noch sauber aufgeschichtet wurden, war in den meisten Fällen ein Trinkgeld fällig, und dann konnte man ja auch noch zurückbehaltene Kohlen bei anderen Kunden schwarz verkaufen. Zum Schluß hatten alle etwas davon. Der Kohlenhändler in Wien muß ein großzügiger Mann gewesen sein, er ließ seine Leute gewähren und die französischen Kriegsgefangenen führten ein verhältnismäßig gutes Leben. Das wiederum kam nun mir zugute.
Viel hatte ich von dem Bauernhof noch nicht gesehen. Erst jetzt nach dem Abendessen fand ich Zeit zu einer Besichtigung. Der ganze Hof war als großes, nach Süden hin offenes Rechteck aus roten Backsteinen gebaut. Eine große Wellblechscheune mit einem riesigen Schiebetor für die Erntewagen schloß die nördliche Seite, während das Rechteck auf der südlichen Seite durch den Hausgarten begrenzt wurde. Die westliche Seite war aufgeteilt in Wohnteil mit Küche und Waschküche, einen Raum für die Milch- und Butterbereitung, den Kuhstall für etwa 12 Milchkühe und Jungvieh sowie den Hühner- und Gänsestall.
In dem östliche Flügel standen im Pferdestall die vier Pferde. Daneben befanden sich der Kaninchen- und der Schweinestall sowie das große Hoftor und ein Kornboden für das Saatgut und den Hafer für die Pferde. Entlang der Bauteile und des Gartens gab es einen mit Backsteinen gepflasterter Weg, ebenso entlang des Hausgarten bis zum Pferdestall. Eine Toilette gab es neben dem Eingang zum Kuhstall. Über den Ställen waren natürlich die Stroh- und Heuböden. In der großen Wellblechscheune stand neben großen Strohschobern die Dreschmaschine. Sie wurde elektrisch betrieben. Daneben befanden sich noch andere landwirtschaftliche Geräte und die verschiedenen Wagen. Der Hof selbst war mit schwarzer Schlacke befestigt, und ein großer Misthaufen lag im südlichen Drittel des Hofes. Einige weniger gute Bilder, die ich bei einem späteren Besuch in “La Tirmande” gemacht habe, können vielleicht etwas mehr Klarheit in meine Erzählung bringen.
(Pferdestall und Misthaufen. Das Hoftor und die Wellblechscheune)
(La Tirmande, Toreinfahrt und Wellblechscheune)
Am nächsten Tag war frühes Aufstehen, gegen 5 Uhr, angesagt. Bei Sonnenaufgang ging die Arbeit los. Nur im Winter wurde es etwas später, etwa um 6.00 Uhr. Zuerst mußten die Kühe gemolken und der Kuhstall ausgemistet werden und bevor frische Streu eingelegt wurde, schruppten Berte und ich den ganzen Stall mit dem Besen und mit viel Wasser. Erst dann gab es Frühstück mit Milchkaffee in Satten und Butterbroten. Eine halbe Stunde später etwa ging dann die Arbeit los.
In den ersten Wochen beschränkte sich meine Arbeit ausschließlich auf das Stutzen der Weißdornhecke, die um die Viehkoppeln gepflanzt war, um das Ausbrechen der weidenden Tiere zu verhindern. Die Hecke war insgesamt sicher 700 bis 800 m lang, oder sogar noch länger. Sie war während des Krieges wegen mangelnder Arbeitskräfte nie geschnitten worden, war daher vollkommen ausgewachsen und inzwischen drei bis fünf Meter hoch und mehrere Meter breit. Dagegen sollte ich nun angehen mit einer normalen Heckenschere. Fast eine Unmöglichkeit! Ohne die Hilfe Achille`s, hätte ich diese Arbeit nie geschafft. Er arbeitete, wenn die Feldarbeit ihm dazu Zeit ließ, mit einem Gerät, das aussah wie eine Sichel an einem starken Stiel. Es wurde von unten nach oben geschwungen. Es war, wie auch eine normale Sichel, sehr scharf geschliffen. Damit konnte man dann Äste bis zu 2cm bis 2,5cm Stärke abhauen. Ich probierte das auch und stellte dabei fest, daß die Arbeit mit diesem Werkzeug doch ziemlich gefährlich war. Außerdem sollte ich auch das Melken üben. Beides zusammen hielten meine Armmuskeln kaum aus, und ich hatte jeden Abend große Schmerzen in den Armen. Es dauerte lange, bis diese nachließen, doch bei der guten Verpflegung konnten die Muskeln gut wachsen. Nachdem die Hecke überall auf nur noch 30 bis 40 cm Stärke und 1,80 m Höhe gestutzt war, wurde ich dann zum Melken eingesetzt, das ich inzwischen gelernt hatte.
Den Kuhstall bewirtschaftete Berte und auch die Madame. Ich bekam nun auch etliche Kühe zum Melken zugewiesen, und natürlich mußte ich gemeinsam mit Berte ausmisten, Stroh einlegen, füttern und den ganzen Stall jeden Tag schrubben, während die Madame die Milch durch die Zentrifuge ließ. Aber das machte mir mehr Spaß als das elende Heckenschneiden. Nach dem Frühstück kam Guste, und dann ging es aufs Feld zur Arbeit. Diese richtete sich nach der Jahreszeit und der jeweiligen Notwendigkeit. Da mußten Rüben gehackt oder im Weizenfeld die Disteln gejätet und bei der Heu- oder der Getreideernte Garben aufgestellt werden, da mußten die Futter- und die Zuckerrüben, wie auch die Kartoffeln geerntet werden. Wir beide, Guste und ich, hatten diese Arbeiten zu erledigen. Manchmal, wenn es schnell gehen sollte, weil Regen drohte oder auch bei der Ernte, bekamen wir Hilfe von den Frauen, die uns auch bei sommerlicher Hitze Getränke, meist Bier, aufs Feld brachten.
Die Zeit des Rübenhackens war die Zeit einer unsagbaren Marter! Warum das so war, ist schnell erklärt .Es gab keine Maschine, die den Rübensamen einzeln in gehörigem Abstand aussäen konnte. Die Rüben wurden wie Getreide auch in Reihen ausgesät, zwar in breiteren Reihen, aber in der Reihe nicht vereinzelt, so daß sie per Hand vereinzeln mußten. Dazu mußte alles, was Beine hatte, antreten und mit einer breiten Hacke die überflüssigen Rübenpflänzchen entfernen. Bei der Aussaat hatte Achille die Drillmaschine zwar so eingestellt, daß die Samen nicht zu dicht fielen, aber die Körner sind unterschiedlich groß und der Abstand konnte auch nicht gleichmäßig eingestellt werden. Etwa 25 cm sollte der Abstand von Pflanze zu Pflanze sein. Man mußte schon sehr genau aufpassen, um kein Pflänzchen abzuhacken, das bleiben sollte. Durch die ständige Arbeit in gebückter Haltung war mein Rücken schon nach einigen Stunden eine Schmerzenssäule, und das sollte mindestens zwei bis drei Wochen andauern. Allerdings konnte ich nach der ersten Woche mit meiner Hacke so gut zielen, daß ich nur noch ganz selten ein Pflänzchen traf, das bleiben sollte und wenn doch, dann blieb eben das nächste stehen.
Die Arbeit mit den Pferden übernahm meist Achille. Er war ja auch der einzige, der mit ihnen richtig umgehen konnte. Er nahm mich auch oft mit, um mich anzulernen. Dann gab er mir die leichter zu dirigierenden Pferde und nahm selbst die beiden anderen, stellte mir dann eine Aufgabe, entweder Eggen oder Walzen, und arbeitete in der Nähe, um zu beobachten, ob ich alles richtig machte. Es dauerte nicht lange, und er schickte mich allein auf einen der vielen Äcker zur Arbeit. Dabei war es mir ganz interessant, folgendes zu beobachten: Um auf eines der Felder zu gelangen, mußte ich mit den Pferden durch das ganze Dorf reiten, das sich rechts und links der ungepflasterten Straße einige 100m hinzog und viele, die mich, den Deutschen, sahen erhoben ihre Fäuste und drohten mir, und ich fühlte stets eine gewisse Unsicherheit. Ähnlich war es, wenn der Arbeiterzug an der Ferme vorbei zum Bergwerk fuhr und die Leute mich sahen, dann schrieen sie und drohten aus den offenen Waggons mit den Fäusten. Aber das hörte etwa im Herbst 1946 auf und im nächsten Sommer wurde ich im Dorf von einem Einwohner sogar zu einem Glas Wein eingeladen, als ich mit den Pferden vorbeikam.
Mein Verhältnis zu Guste, unserem Arbeiter, war von Anfang an gut. Er hatte im Bergwerk gearbeitet und war jetzt Rentner, aber die Rente war so niedrig, daß er noch dazuverdienen mußte. Er war Witwer und wohnte mit seiner Tochter in einem kleinen Haus, das zur Ferme gehörte. Er hatte wohl dafür die Verpflichtung auf der Ferme zu arbeiten, wenn es nötig war. Eigentlich war er immer da, und er gehörte mehr oder weniger zum Inventar. Mit ihm war ich fast jeden Tag zusammen, und er hat mir viel beigebracht, zum Beispiel die Sprache. Wie hätten wir uns unterhalten können, wenn ich sein Französisch nicht hätte verstehen können? So setzte er alles daran, mir die Umgangssprache und natürlich auch alle Schimpfwörter beizubringen, und manchmal lobte er mich, wenn ich diese richtig angewendet hatte. In der Schule war mir Französisch immer sehr schwer gefallen, jetzt mußte ich es lernen, um mich verständigen zu können, und nun lernte ich schnell, auch weil niemand außer Achille Deutsch verstand.
Karte Frankreichs in Europa in den Grenzen von 2010,
das Département Pas-de-Calais liegt im Nordnordosten nahe Dunkerque
So verging das erste Jahr auf der Ferme. Es kam die Heuernte, es kam die Getreideernte, es kam die Rübenernte und die Kartoffelernte. Dazwischen wurde das Getreide gedroschen, denn der Hafer und das Stroh wurden zur Fütterung der Tiere gebraucht. Auch der Weizen wurde gedroschen, um ihn verkaufen zu können. Damals waren die Mähdrescher in Europa noch nicht üblich. Es gab sie nur auf den großen Farmen in Amerika. Unsere Dreschmaschine wurde von einem Elektromotor angetrieben, und das war schon eine große Errungenschaft. Sie sah aus wie ein großer Holzkasten auf 4 Eisenrädern und stand gewöhnlich in der großen Wellblechscheune tief versteckt, um vor Feuchtigkeit geschützt zu sein, jetzt mußte man sie zum Dreschen erst über den unebenen, von den Hühnern zerkratzten Boden holen. Trotz der Räder war sie schwer zu bewegen. Sogar die beiden stärksten Pferde mußten sich überaus anstrengen, um sie an den gewünschten Platz zu bugsieren. Zum Einlegen der Frucht wurde ich bestimmt, die leeren Säcke wurden an die Auslasse für das ausgedroschene Getreide geklemmt, und die fertigen, gebundenen Strohgarben von Berte und Guste zu einem Strohschober aufgeschichtet. Das Ganze war eine furchtbar staubige Arbeit, und alle hatten sich bis zur Unkenntlichkeit vermummt, um sich gegen den Staub zu schützen. Das Roggenstroh, das härter ist als Weizen oder Gerstenstroh wurde nur als unterste Lage des Strohbodens des Kuhstalls gebraucht. Das Weizenstroh wurde dann darüber gepackt bis an das Dach. Mit dieser dicken Strohabdichtung blieb die Wärme auch im Winter in den Ställen erhalten.
Langsam führte mich Achille auch in die Arbeit mit den Pferden ein. Auf dem Hof gab es vier schwere belgische Arbeitspferde, Stuten, von denen immer eine trächtig war, weil immer auch Nachwuchs gebraucht wurde. Noch während des Krieges hatten die Deutschen die guten Pferde auf den Fermen beschlagnahmt und nur die alten und abgearbeiteten Tiere den Bauern gelassen. Darum mußte der Bestand jetzt verjüngt werden. Ein Fohlen gab es schon. Aber dieses genügte nicht den Anforderungen und wurde daher abgegeben. Eine braune Stute hatten die Deutschen beim Rückmarsch auf der Ferme gelassen, sich dafür aber ein anderes, ausgeruhtes Pferd mitgenommen. Die Stute hatte sich gut eingelebt und war jetzt trächtig, ebenso wie eine andere, die mit ihr im Gespann ging und den schönen Namen “Gazelle” trug. Alle Pferde vertrugen sich gut miteinander, und man konnte alle zu Gespannen zusammen einspannen. Ein etwas älterer Schimmel mit dem Namen “Sirka” ging immer nur als Führungspferd auf der rechten Seite oder allein. Dieses Pferd ließ nur ungern fremde Menschen an sich heran und ließ sich auch im Stall nicht gerne von Fremden berühren. Wenn ich am Sonntagabend die Pferde füttern mußte, hatte ich bei diesem Tier immer Schwierigkeiten. Es drängte mich gegen die Wand, oder wenn es schlecht gelaunt war, schlug es auch schon mal nach mir, obwohl ich es immer gut behandelte. Auch war es schwierig, sich auf seinen Rücken zu setzen. Man durfte nicht einmal mit der Hand über seinen Rücken fahren, dann fing das Tier richtig zu tanzen an. Saß ich dann oben, war alles vorbei, und es lief ruhig und brav, wohin ich es dirigierte. Nur bei Achille war das anders, der war dem Tier nicht fremd, und er erklärte mir, daß es von der väterlichen Ferme hierher gekommen sei und schon damals mit ihm gearbeitet habe. Es hatte ihn nach der langen Abwesenheit wiedererkannt! Die braune Stute ging immer in der zweirädrigen Kutsche, die einem Dogcart , einem einspännigen Wagen auf 2 Rädern. ähnlich war, aber immer mit einem Verdeck wurde gefahren wurde. Mit diesem Gefährt wurden alle Besorgungen in der Stadt oder auch sonst erledigt. Niemand hatte ein Auto, alle Kommissionen mußten mit Pferd und Wagen bewältigt werden.
Zweirädrige Pferdewagen waren außerdem in Frankreich üblich. Dabei wurde nur ein Pferd eingespannt. Bei schwierigem Gelände oder zum Transport von schwereren Lasten wurde dann noch ein weiteres davorgespannt, und die beiden Pferde mußten hintereinander gehen. Diese Gespannart wurde hauptsächlich bei der Kartoffel – oder Rübenernte angewendet, wenn die Wagen sehr schwer beladen und die Äcker und Wege vom Regen schlammig waren
Die Pferdewagen, wie die Bauern sie benutzten, waren grob zusammengebaute Wagen, ähnlich unseren Leiterwagen, aber mit nur zwei Rädern und hinten mit einer Klappe versehen. Diese öffnete sich, wenn das Pferd rückwärts ging und die Ladefläche wie bei einem modernen Laster nach hinten abkippte. Das war oft sehr hilfreich und ersparte ein mühsames Abladen mit Schaufel oder Gabel, etwa beim Abladen der Rüben oder der Kartoffeln. Mit diesen Wagen wurden alle auf den Äckern oder Wiesen gebrauchten Geräte oder Materialien transportiert, Saatgut genauso wie Mist, der von den Kühen und Pferden und natürlich auch von den Schweinen, Kaninchen und Hühnern anfiel. Aller Mist wurde auf dem großen Misthaufen gesammelt, der in der Mitte des Hofes lag und daher von allen Ställen auf kurzem Weg erreichbar war. Wenn der Haufen zu hoch wurde, mußte er mit den Kippwagen auf die Felder gefahren und dort zu kleineren, möglichst gleichmäßigen Haufen verteilt werden. Guste und ich hatten damit unsere Arbeit. Zu den Äckern mußten wir natürlich laufen, und wenn es regnete, dann wurden wir eben naß, oder wir suchten Unterschlupf unter Bäumen oder zwischen den überall wachsenden Windschutzhecken.
Im ersten Winter auf der Ferme hatten wir eine schwere Arbeit zu leisten. Ein größeres Feld von cirka 50 ha sollte gekalkt werden. Auf einer der Wiesen hinter dem Hof trat eine Kalkader zu Tage. Die sollte dafür abgebaut werden. Hier zeigte sich der Kumpel in Guste. Schon nach kurzer Zeit hatte er das Gelände soweit freigelegt, daß man mit dem Abbau beginnen konnte. Wir gingen also mit Kreuzhacke und Schaufel an die Arbeit. Es waren reine Kreidestücke, die wir fanden und die von Achille auf die Felder gefahren und verteilt wurden. Mit der Zeit hatten wir eine große Höhle gebaut. Guste nannte sie, weil es kurz vor Weihnachten war: “La Chapelle de Noël“.
In der Tat war das Jahr 1946 beinahe zu Ende. Es war reich an Ereignissen gewesen. Hatte ich im vergangenem Jahr, eingeschlossen im Keller des Leuchtturmes in Calais, mit Miesmuscheln als Festessen das Weihnachtsfest erlebt, so würde ich in diesem Jahr sicherlich das Fest anders erleben dürfen. Es war aber auch ein schweres Jahr für mich gewesen. Ich hatte viel gelernt, was ich in späteren Jahren immer wieder verwenden konnte, und ich hatte hier auf dem Bauernhof Menschen gefunden, die mir entgegenkamen, die mich auch als Mensch betrachteten, besonders als ich Mitte Juni die erste Nachricht von meinem Vater aus Potsdam erhielt, in welcher er mir den Tod meiner Mutter am 14. April 1945, in der Nacht des Fliegerangriffs auf die Stadt Potsdam, mitteilte. Dieses war wohl der schrecklichste und der traurigste Tag, den ich während meiner Gefangenschaft erlebt habe. Besonders Madame Roche stand mir damals bei, ebenso wie auch Achille und sogar Guste. Nur Berte blieb mir gegenüber einsilbig.
Berte war ein eigentümlicher Mensch. Man merkte, daß sie sich auf dem Hof nicht wohl fühlte, was wohl an dem Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter lag, denn diese hatte das Sagen auf dem Hof und hatte sicherlich auch nicht die Absicht, ihre Stellung an Berte abzugeben. Darum fühlte die sich oft übergangen und war dann unzufrieden und mißtrauisch. Der Onkel Leon, ein Bruder des verstorbenen Ehemannes der Madame Roche, besaß in der Nähe auch eine Ferme und ließ dort seine erwachsenen Söhne arbeiten, während er selbst auf der Ferme der Madame Roche, unter dem Vorwand dort helfen zu müssen, der verwitweten Berte schöne Augen machte. Nach der Rückkunft Achille`s aus der Gefangenschaft und nach meiner Ankunft hatte er nun keinen Grund mehr, auf Madame Roches Ferme zu bleiben. Das war für Berte ein harter Schlag, und das ließ sie mich oft bei der täglichen Arbeit im Stall oder auch sonst merken. Sie nörgelte dann über meine Arbeit, und nichts war ihr recht zu machen. Oft war sie im Sommer auch plötzlich tagelang verschwunden, und niemand wußte wohin. Dann erledigten Madame und ich die Stallarbeit, und manchmal kam auch noch die Tochter Marie-Rose dazu. Sie hatte angefangen, sich für die Stallarbeit zu interessieren, und fing an zu melken. Aber das war keine besondere Hilfe, so daß dann die ganze Last auf mir lag. Berte kam nach einigen Tagen – manchmal war es eine ganze Woche – morgens wieder zur Arbeit und tat so, als ob nichts gewesen sei. Guste meinte, daß da sicher der Onkel Leon dahinter stecke. Ich war froh, wenn sie weg war, weil ich mit Madame Roche gut zusammenarbeiten konnte.
So kam nun das Weihnachtsfest 1946 und das wurde hier auf dem Land natürlich gehörig gefeiert. Achille hatte mich schon darauf aufmerksam gemacht, daß am Weihnachtstag die ganze Familie erscheinen und dann ein großes Festessen stattfinden würde. So geschah es auch. In der Nacht zum 25. Dezember ging man gemeinsam zur Christvesper in die Kirche in Ligny les Aire, und am 25. trafen sie alle ein, in dicke Decken gehüllt auf ihren Pferdewagen. Gleich wurde ausgespannt und die Pferde wurden in den Stall geführt und gefüttert. In der Küche war der Tisch vergrößert worden, damit alle Platz fanden. Aber so weit war es noch nicht. Erst mußten alle Neuigkeiten ausgetauscht werden, denn man hatte sich lange nicht gesehen, dann wurden die Geschenke übergeben, und so ging es weiter, bis die Madame endlich zum Essen rief und alle Platz nahmen. Auch für mich war gedeckt, und so nahm auch ich an dem Diner teil und war Guste dankbar, weil er mir viel Französisch beigebracht hatte und ich mich jetzt auch unterhalten konnte. Für mich hatte natürlich keiner ein Geschenk, nur Guste brachte mir einen von seiner Tochter gestrickten, schönen blauen Pullover mit roten aufgestickten Karos. Der half mir sehr bei der winterlichen Kälte, und ich dankte Guste dafür, obwohl ich nicht recht wußte, ob nicht vielleicht die Madame den Auftrag dazu erteilt und die Wolle spendiert hatte! Nach dem Essen wurde erzählt, und ich ging in den Stall, um die Kühe zu füttern und zu melken. Ich war damit fast fertig, als auch Madame in den Stall kam, um mir bei der Arbeit zu helfen. Sie war sehr erfreut, daß die Arbeit schon fast fertig war, und ich war sehr stolz auf ihr Lob. Die Pferde wurden wieder angespannt, die Gäste fuhren mit Laternenschein an den Wagen fort, und damit war das Weihnachtsfest beendet. Am nächsten Tag ging die Arbeit weiter.
An meiner Erzählung kann man erkennen, daß ich in die Familie quasi integriert war, und ich muß sagen, daß ich mich dort auch sehr wohlgefühlt habe. Besonders kam ich sehr gut mit Madame und mit Achille aus, die beide versuchten, mir das Leben in der Fremde zu erleichtern. So war es ganz selbstverständlich, daß ich beim Essen mit am Tisch saß, oder daß meine Wäsche gewaschen wurde. Als dann im Frühjahr die Dorffeste stattfanden, durfte ich auch daran teilnehmen, und niemand im Saal hat mich belästigt. Auch Spazierengehen durfte ich, aber das tat ich nicht oft, denn die Gegend war nicht interessant, und auch sonst war nicht viel los. Einmal ging ich nach Ligny, um einem Hahnenkampf zuzusehen, aber es tat mir leid um die Tiere, die sich mit den Rasierklingen, die ihnen an die Sporne angebunden waren, zerfleischen mußten. Andere Deutsche gab es nicht in der Nähe und damit auch keine deutschsprachige Unterhaltung. Ich vermißte das auch gar nicht so sehr, es war ohnehin nicht viel Zeit, denn auch sonntags wurde immer im Stall gearbeitet. Pferde und Kühe brauchten ihr Futter. Wenn es nötig war, ging es auf den Acker und die Freizeit, die blieb, hatte ich nötig, um meine Sachen und mich selbst in Ordnung zu halten und um mich mal auszuruhen. Um mich gründlich zu waschen ging ich, wenn die Familie sonntags in der Kirche war, in die Waschküche, wo auch eine große Waschwanne stand und bat die Madame um heißes Wasser. Seife wurde mir hin und wieder geschenkt. Ich hatte ja kein Geld, um etwas zu kaufen!
So ging die Zeit dahin, aber nicht etwa langweilig, nein, es war immer etwas los und meist etwas Neues, was ich noch nicht erlebt hatte, zum Beispiel kalbten die Kühe und das meist kurz nach Mitternacht oder am frühen Morgen, wenn man noch nicht ausgeschlafen hatte, oder es gab bei den Pferden Nachwuchs, auch meist zu unpassender Zeit am Sonntagabend, so daß man zu Hause bleiben mußte, um Wache zu halten und um Achille zu alarmieren, falls etwas schief gehen sollte. Da es kein Telefon gab, wurden bei solchen Gelegenheiten Lichtzeichen verabredet, die dann in der nahen Kneipe in der Achille saß, gesehen werden konnten. Besonders wichtig war aber die Pflege beziehungsweise die Reparatur von Werkzeugen und Maschinen. Alle Geräte wurden einer genauen Prüfung unterzogen, die Metallteile entrostet und eingeölt, die Messer der Mäher nachgeschliffen und die Achsen der verschiedenen Wagen gefettet. Natürlich mußte in der Winterzeit an Heizmaterial für das nächste Jahr gedacht werden. Dazu wurden die Windhecken, die überall in der Landschaft standen, durchforstet. Das Holz wurde hauptsächlich zum Kochen der Kartoffeln für das Schweinefutter in einem großen Waschkessel gebraucht. Darum wurden die Äste und Zweige der Heckensträucher gleich ofenfertig auf cirka 50 cm Länge zurechtgeschnitten und gebündelt. In der Wellblechscheune konnten sie dann trocknen bis sie im nächsten Jahr gebraucht wurden. Das Heizmaterial, das heißt die Kohlen für die Öfen und die Küche, sammelte man von der ganz in der Nähe liegenden Schutthalde auf. Dort lagen mit dem Abraum zusammen auch viele Kohlenstücke. Schlachtfeste habe ich auf der Ferme nie erlebt. Die Schweine kaufte der Dorfmetzger, der im Tausch dafür das Fleisch lieferte. Ähnlich verhielt es sich mit den Rindern, die verkauft wurden. Auf der Ferme wurden höchstens Kaninchen oder Hühner geschlachtet.
Das Essen war natürlich immer nach dort üblicher französischer Art zubereitet. Zum Frühstück, das es erst nach der Stallarbeit gab, hatten wir Milchkaffee aus großen Satten und Brot, das in den Kaffee gestippt wurde. Frühmorgens hatte Madame Roche schon Kaffee zubereitet, den man vor Beginn der Stallarbeit gemeinsam als Milchkaffee schlürfte.Mittags gab es immer Suppe, Fleisch, manchmal mit Pommes frites und Gemüse oder mit Brot und manchmal gab es dazu noch einen Nachtisch. Dieser wurde nicht auf kleinen Tellern oder Glastellern serviert, sondern man aß ihn von der Rückseite des Eßtellers. Am Abend gab es meistens Brot und Speck, oder manchmal gab es auch wunderbare, im Ofen gegarte, große Zwiebeln. Immer war das Essen gut und reichlich.
Für die Zubereitung des Essens war Madame Roche zuständig. Wenn Schulferien waren, ließ sie sich von ihren Enkeltöchtern helfen, wobei die ältere von beiden, Marie-Rose, auch bei der Stall- und Feldarbeit mehr Interesse zeigte, während Marie-Leontaine, ihrer Mutter ähnlich, immer über irgend etwas zu nörgeln hatte.
Sobald es die Witterung aber erlaubte, wurden die Äcker bestellt. Dazu wurde auch ich eingesetzt, und es entwickelte sich bald ein Wettstreit, wer schneller eine bestimmte Fläche bearbeitet hatte, und dabei war der Sieger immer Achille mit seiner viel größeren Erfahrung. Aber es machte mir Spaß, in der freien Luft zu arbeiten, wenn auch die Arbeit manchmal nicht leicht war. Man sah auf anderen Äckern die Bauern arbeiten, und ich konnte mit Achille über die Vorzüge oder Nachteile dieser oder jener Arbeitsmethoden sprechen. Ein Bauer auf einem Nachbargrundstück bearbeitete zum Beispiel seine Äcker mit einem Traktor, was Achille besonders verwerflich fand, weil der Traktor den schweren, feuchten Boden zu Klumpen zusammendrückte, während Pferdehufe doch keine solche Spuren hinterließen. Schon das Vibrieren des Motors, meinte Achille, gehe über die Reifen in den Boden und schädige seine Krümelung. Später, als der Sommer kam und das Korn wuchs, konnte ich mich von der Richtigkeit dieser Meinung überzeugen. Unser Weizen war groß und kräftig geworden, während der, unseres Nachbarn, ziemlich dünn und traurig dastand.
Achille war wirklich ein Meister.Er konnte zum Beispiel eine mehrere hundert Meter lange Furche, ohne jedes Hilfsmittel, so genau gerade pflügen, wie es der Nachbar mit seinem Traktor nicht besser konnte. So lernte ich langsam die Arbeit in der Landwirtschaft und wurde immer entschlossener, mich einem landwirtschaftlichen Beruf zuzuwenden, wenn ich endlich wieder nach Hause kommen sollte. Dazu gab es dann im Herbst des Jahres 1947 ein erstes Anzeichen. Es gab ein Angebot des Kriegsministeriums, noch ein Jahr als freier Arbeiter, mit festem Lohn, Verpflegung und Unterkunft, einschließlich vier Wochen Heimaturlaub, in Frankreich zu bleiben und dann entlassen zu werden, oder weiter als Kriegsgefangener zu bleiben bis man vom Staat offiziell entlassen würde. Da war zu überlegen, was für mich vorteilhafter sein würde. Aus Potsdam hatte ich nicht viel Gutes gehört. Soviel ich aus den wenigen Briefen, die ich von meinem Vater erhielt, entnehmen konnte, war die Rückkehr nach dort nicht ratsam, und auch von meiner Schwester Lore, die seit einigen Jahren in Freiburg im Breisgau lebte, hörte ich nicht viel Gutes. Den Gerüchten zufolge, die unter den Kriegsgefangenen kursierten – ich hatte inzwischen auf den Feldern einen Deutschen entdeckt , würden zuerst die älteren Jahrgänge und erst später die jungen entlassen werden, und das würde sich noch länger als ein Jahr hinziehen. Demnach war es besser, das Angebot als freier Arbeiter anzunehmen und noch ein Jahr hierzubleiben, als eventuell länger als ein Jahr Kriegsgefangener ohne Lohn und ohne Urlaub zu bleiben. Ich entschied mich also dafür, im Spätsommer des Jahres 1947 “Freier Arbeiter” zu.
Ende des Dritten Teils
***
(Zweiter Teil)
(Erster Teil)
(Vierter Teil)
(Text, Bilderquelle: Copyright Soldatenglück.de, Hans Niemeyer & Dirk Hamel;
Grafikquelle: Frankreichs Flagge und Karte, CIA.gov;
Bildquelle: Kirche von Anvin im Department Pas-de-Calais via wiki-User Pir6mon;
historische Postkarte, Mines de Ligny les Aire mit Abbaupyramide via Geneanet)





























