Eine Kriegs-Gefangenschaft – von Sanssouci über Norwegen nach Pas-de-Calais und zurück (Teil 2)

von Dirk ~ 25. März 2010. Zu lesen unter: Militärgeschichte.

Dies ist ein Bericht über meine Dienstzeit
beim Reichsarbeitsdienst
vom 1. April 1943 bis September 1943,
bei der Kriegsmarine
vom November 1943 bis 14. Mai 1945
und der anschließenden Kriegsgefangenschaft
bis September 1948.
 


 

Zweiter Teil (Erster Teil) (Dritter Teil) (Vierter Teil)
Kriegsgefangenschaft
 

Der Wachdienst ging aber weiter, sogar mit scharfen Waffen, bis dann nach einigen Tagen unsere Waffen eingesammelt und wir in Baracken auf dem Holmenkollen, dem Hausberg von Oslo, verlegt wurden. Hier begann das ewige Warten der Kriegsgefangenen auf eine ungewisse Zukunft. Zwar hatte man einige Freiheiten, denn noch waren wir unter norwegischer Oberhoheit. Es gab kein Militär oder Polizei, welche die Gefangenen bewachte, und so blieb die alte militärische Rangordnung erhalten, bis später Amerikaner und Engländer auftauchten.

Sie kamen mit ihren normalen Handwaffen, aber auch mit Säcken voll DDT und den entsprechenden Zerstäubern. Wir mußten uns alle in Reihen aufstellen und die Oberbekleidung ausziehen. Kaum war das geschehen, hatte man auch schon zwei volle Ladungen DDT in der Hose und unter den Armen. Nach dieser Prozedur war der ganze Platz in eine dichte DDT-Wolke gehüllt – Entlausung in Norwegen auf Amerikanisch!  

Die vielen Deutschen in der norwegischen Hauptstadt waren den Norwegern wohl unheimlich geworden, und darum hatte man beschlossen die Kriegsgefangenen vom Holmenkollen in eine Kriegsgefangenen-Reservation nach Larvik zu verlegen. Alle mußten ihre Sachen packen, und ab ging es teils auf LKWs, teils weite Strecken zu Fuß. Am Abend kamen wir an und wurden in Baracken verteilt, die aber nur notdürftig ausgestattet waren. 

Norwegen in Europa in den Grenzen des Jahres 2010

Am nächsten Tag stellte sich heraus, daß wir dort die größtmögliche Freiheit genossen. Ein riesiges Gelände war für die Gefangenen reserviert und wurde nur von einigen norwegischen Milizionären bewacht. In den Baracken gab es zwar Betten, aber keine Tische oder Stühle, und so mußte man zusammensuchen, was eventuell brauchbar war. Der Hafen Larvik war nicht weit, und in Häfen findet man meist viel Brauchbares. Unsere Stubengemeinschaft war nicht tatenlos, und wir hatten sehr bald alles Notwendige beisammen. Nur ein Tisch fehlte. Schließlich entschieden wir uns für ein Faß von cirka 70 cm Höhe, das ziemlich schwer war. Wir rollten es aus dem Hafen bis in unsere Stube. 

Der Alltag verging, und wir wußten nichts mit uns anzufangen. Also ging man innerhalb des Reservates spazieren. Es wurde auch mal Fußball gespielt. Meistens suchte man irgend etwas zu essen, man hatte ja immer Hunger. Hatte man etwas gefunden, wurde es auf einem Ofen, der im Freien stand, abgekocht oder gebraten. Ich hatte noch eine Pfanne und eine Elektro-Kochplatte, aber Fett zum Braten gab es überhaupt nicht. Darum kamen einige von uns auf den Gedanken, Öl zu verkaufen, das sie irgendwo im Hafen gefunden hatten. Aber es stellte sich heraus, daß es sich um ein Öl handelte, mit welchem Torpedos geschmiert wurden, das also nicht zum Verzehr geeignet war. Einige nahmen es trotzdem, um ihre Kartoffeln darin zu braten, der Hunger war zu groß. Später erfuhren wir, daß das Öl aus Knochen gepresst worden war, und es hat wenigstens bei mir keine Schäden hinterlassen. Unser Faß, das wir als Tisch benutzten, war, wie sich erst viel später herausstellte, ein Faß voller “U-Boot-Butter”, einer Butter, die eine lange Haltbarkeit hatte. Ich hatte leider keine Gelegenheit mehr, davon zu essen. 

Innerhalb dieses Gefangenenreservats herrschte eine immer noch die militärische Hierarchie. Die höheren Offiziere ab den Hauptleuten waren von den Truppen abgesondert worden Dienstgrade und die Grußpflicht waren abgeschafft, Leutnants und Oberleutnants traten nur noch in der Verwaltung auf. Hin und wieder sahen wir Männer vom norwegischen Wachpersonal. Die kamen aber nur, um die Papiere zu kontrollieren, denn es hatte sich herumgesprochen, daß unter den Gefangenen einige Norweger waren, die auf deutschen Schiffen Dienst getan hatten. Diese wollte man herausfiltern, um sie als Kollaborateure zu bestrafen, und es wurden auch tatsächlich einige Leute abgeführt, obwohl alle Papiere hatten, die sie als Deutsche auswiesen. 

Nach einiger Zeit wurde das Lagerleben gestört. Es gab Leute, die sich durch Muskelkraft oder durch Schlauheit besonders hervortun, das heißt andere schikanieren oder kommandieren wollten. So kam es zu Unstimmigkeiten und es gab auch Diebstahl. Das alles gefiel mir gar nicht, und als ich hörte, daß Männer für einen Waldeinsatz gebraucht wurden, meldete ich mich sofort und wurde auch angenommen, obwohl die Gruppe schon komplett war. Es war eine ganze U-Boot-Besatzung mit ihrem ersten Offizier, cirka 40 bis 50 Mann.

Über den Ort Skien ging es auf einem LKW in westlicher Richtung in ein großes Waldgebiet. Dort angekommen, wurden wir vor einem Übernachtungsheim für Touristen, wie es in den skandinavischen Ländern viele gibt, abgeladen. Es gab hier Zimmer und Betten und auch Spinde, in denen man seine Sachen unterbringen konnte, für Kriegsgefangene ein ungeheurer Luxus! Zunächst wurden die Betten verteilt und die Sachen eingeräumt, dann gab es Essen, und später wurden das Haus und die Umgebung erkundet. Wir hatten wir das große Los gezogen, denn unterhalb der Herberge lag ein See und lud zum Baden und Angeln ein. Ob dazu aber die Zeit reichen würde? Das erfuhren wir am nächsten Tag, als uns mitgeteilt wurde, welche Arbeiten wir zu leisten hatten und wie überhaupt alles ablaufen sollte. Zu unserer Bewachung waren ein paar junge, norwegische Milizsoldaten kommandiert, die erst vor kurzer Zeit rekrutiert worden waren. 

Am nächsten Morgen kam der zuständige, sehr freundliche Forstbeamte und führte uns, nach der obligatorischen täglichen Anwesenheitskontrolle, in den Wald, zu einer Stelle, wo Werkzeuge, Sägen und Äxte schon bereit lagen. Hier wurden Fünfergruppen gebildet und das Werkzeug an die Gruppen verteilt. Pro Gruppe gab es eine Säge und zwei Äxte, damit sollte Brennholz geschlagen werden. Die zu fällenden Bäume waren schon angezeichnet. Jede Gruppe sollte pro Arbeitstag einen Ster Bennholz schlagen und aufschichten, aber natürlich nach norwegischem Maß, das heißt 0,60 X 1.40 X 0,85 m, zersägt und gespalten.

Die Gruppe, der ich zugeteilt war, konnte das etwa zwischen 7 Uhr 30 und 15 Uhr schaffen. Danach war Feierabend, und man ging zur Unterkunft. Es war Juni, das Wetter warm, und wir machten uns auf, um die Gegend zu erkunden. Dabei fanden wir an dem schon erwähnten See auch noch seinen Zulauf und in dem Bach, der etwa zwischen 4 und 6 Meter breit und nur etwa 30 bis 40 cm tief war, Unmengen von Bachforellen. Dank meiner Bratpfanne und meiner Kochplatte war damit das Hungerproblem gelöst. Ich will damit nicht sagen, daß wir bei diesem Arbeitseinsatz Hunger leiden mußten. Aber die Portionen waren doch ziemlich knapp bemessen, und eine Zugabe war deshalb immer erwünscht. 

Zunächst gab es bei der Arbeit einige Schwierigkeiten, denn welcher Marinesoldat hatte schon einmal Bäume gefällt? Daher gab es anfangs einige kleinere Unfälle, besonders beim Aufspalten des Stammholzes oder auch beim Sägen mit den langen Zugsägen. Wir hatten in unserer Gruppe jedoch einen erfahrenen Mann, der uns bald beibrachte, wie mit den Werkzeugen umzugehen war. Daher waren wir nach kurzer Zeit ein eingespieltes Team, hatten unser Soll schon gegen 15 Uhr oder sogar noch früher erfüllt und konnten dann zurück ins Lager gehen. 

Die kalte Verpflegung, also Brot und Aufstrich, hatten wir in den Wald mitgenommen, abends gab es dann die Hauptmahlzeit. Nach dem Essen, das sich jeder in der Küche im Kochgeschirr abholen mußte, traf man sich auf einem Aussichtsplatz hinter dem “Herbergshaus”. Bei dem schönen, warmen Wetter konnte man die im Norden besonders langen Abende genießen. Die Stimmung war aber eigentlich immer getrübt. Der Krieg war vorbei, und alle wollten so schnell wie möglich nach Hause. Inzwischen war es August, und es gab keine Aussicht auf eine Rückkehr in die Heimat. Alle wußten von den Zerstörungen, Verlusten die sie in der Heimat zu erwarten hatten, und jeder hoffte, dort helfen zu können. Statt dessen mußte man hier im fremden Land Holz schlagen. 

Aber ich machte aus der Not eine Tugend, und da ich immer Hunger hatte, suchte ich nachmittags gemeinsam mit einem Freund, den ich inzwischen gefunden hatte, den Bach mit den Forellen auf. Es gab dort so viele, daß man sie mit der Hand greifen konnte. Sie waren aber so schleimig, daß sie uns meist aus der Hand glitten, darum mußte einer die Fische greifen und ans Ufer werfen, und der andere mußte sie schnellstens aufsammeln und töten. Wenn wir dann eine gute Mahlzeit beisammen hatten, wurden sie in der Pfanne auf dem Elektrokocher gebraten. Zum Glück gab es in unserer Mannschaft nicht viele, die Fisch essen wollten. Die meisten waren auch mit ihrem Soll bei der Arbeit nicht so schnell fertig wie wir und hatten daher weder Zeit noch Lust, nach der täglichen Arbeit fischen zu gehen. Aber unsere Fischzüge mußten wohl dem Wachpersonal aufgefallen sein, denn eines Tages, als wir von der Arbeit zurückkamen, waren Kocher und Pfanne verschwunden. Nur das Wachpersonal war tagsüber im Haus und wie sich herausstellte, hatten diese jungen Milizen während unserer Abwesenheit eine Durchsuchung veranstaltet und dabei beides beschlagnahmt. Nun war guter Rat teuer. Aber ein Seemann weiß sich zu helfen! Beim nächsten Morgenappell ging unsere Beschwerde zunächst an den Einsatzleiter, den ehemaligen 1.Offizier des U-Bootes. Der befragte sofort die Wachsoldaten. Die aber wußten natürlich von Nichts, und erst mein Hinweis auf die “Internationale Kriegsgefangenen-Kommission” und weitere Stellen, an die ich mich umgehend wenden würden, beeindruckte sie so sehr, daß sie Pfanne und Kocher herausrückten. Von da an erfolgte keine Durchsuchung mehr, und wir hatten unsere nur leider etwas eingeschränkte Freiheit. 

Später gab es dann noch andere Arbeiten. Zum Beispiel kam einmal der Forstbeamte zu unserer Gruppe in den Wald und bat uns, außerhalb unserer Arbeitszeit einen maroden Holzsteg über einen kleinen Bach zu erneuern. Natürlich sagten wir zu, und als der Steg fertig war, fanden wir am nächsten Tag für jeden ein ganzes Brot dort am Steg liegen! 

Ein anderes Mal sollten wir mit der gesamten Mannschaft ein in der Nähe gelegenes ehemaliges Kriegsgefangenenlager für Russen, die von den Deutschen hier her verschleppt worden waren, abbauen. Dieses Lager lag ebenfalls in der Nähe des Sees und bestand aus mehreren “Nissenhütten” mit Holzpritschen, auf denen noch das alte Stroh, mit viel zurückgelassenem Abfall lag und einer Kochbaracke, die ebenfalls voller Unrat war. Als wir den ekelhaften Schmutz gesehen hatten, war uns nicht mehr ganz wohl zu Mute, zumal wir auch noch anderes Ungeziefer in den Kojen und Schränken vermuteten. Ich hatte jedoch auch eine eigene Inspektion durchgeführt und noch allerlei Brauchbares gefunden, unter anderem ein kleines Boot, nur roh zusammengezimmert, aber vielleicht noch auf dem See brauchbar, weiter eine Reuse, um Fische zu fangen, und Angelschnur mit einem Blinker. Natürlich war ich über diesen Fund mehr als erfreut und holte gleich meinen Freund, mit dem ich immer auf die Forellenjagd ging, um das Boot zu bergen. Wir schleppten es zum Seeufer, zur späteren Verwendung. Nun aber wurde erst einmal beraten, wie dieses Lager zu demontieren sei, möglichst ohne mit dem vielen Unrat in Berührung zu kommen und ohne uns Wanzen und Flöhe einzufangen. Norweger, die man hätte fragen können, waren nicht in der Nähe, und nach einer nochmaligen Inspektion der „Nissenhütten“ sah man aus einer der Hütten Rauch aufsteigen. Schnell wurden überall Feuerposten aufgestellt, um einem eventuellen Waldbrand zu verhindern, und ganz schnell entwickelte sich ein großes Feuer, in welchem alle Läuse, Flöhe und Wanzen verbrannten. Da alle Hütten und die Küchenbaracke aus Holz waren, brannte alles nieder, und wir hatten unsere Aufgabe erfüllt. Die Feuerposten hatten aber auch ganze Arbeit geleistet, denn es war eine große Menge Funken geflogen, die sich im trockenen Wald rasch zu großen Feuern hätte entwickeln können, die waren von ihnen schnellstens gelöscht worden. Einzig hatte „mein“ Boot überlebt, und nun wollte ich es auch gleich ausprobieren. Es war aber so ausgetrocknet, daß durch alle Fugen Wasser eindrang. Selbst als es einige Tage im Wasser gelegen hatte, war es noch nicht besser geworden. Trotzdem benutzten wir es als Badespaß, aber leider nur noch kurze Zeit, denn “der Sommerurlaub in der Kriegsgefangenschaft” wurde bald beendet. 

 

Landkarte mit Norwegen in Europa mit den Grenzen von 2010 

Der August verging, und eines Tages hieß es “Packen und Antreten zum Abtransport!” Damit war unser Aufenthalt an diesem idyllischen Ort beendet. Auf einem LKW verladen, wurden wir nach Larvik in das Lager zurückgebracht. Leider konnte ich nicht mehr in meine frühere Unterkunft. Die Gruppe wurde in anderen Räumen untergebracht, die, wie wir schon in der ersten Nacht feststellen mußten, völlig verwanzt waren. Ich war gleich nach der ersten Nacht voller Wanzenstiche. Das war wirklich widerlich, und ich wußte nicht, was man gegen diese Viecher tun könnte. Zum Glück wurde schon am nächsten Tag Befehl gegeben: “Packen und fertig machen zur Abreise nach Deutschland – und zur Entlassung!” Freudigen Herzens marschierte ich in meiner Gruppe zum Hafen. Dort stand ein Dampfer bereit, uns aufzunehmen. Natürlich gab es keine Kabinen oder irgendwelche Schlafplätze, sondern es herrschte das Recht des Stärkeren. Man suchte sich also einen Platz, wo man seinen Seesack abstellen konnte. Die besten Plätze waren schon besetzt, wir waren nicht die ersten, die auf das Schiff gekommen waren. 

Das Schiff ging an Helgoland vorbei nach Bremerhaven. Dort nahmen uns amerikanische Soldaten in Empfang und transportierten uns zum Flugplatz, der in ein großes Kriegsgefangenenlager umgewandelt worden war. Wir warteten nun auf unsere Entlassung. Zum Glück war das Wetter gut. Als Unterkunft bekamen wir Zelte. 

Tage und Wochen vergingen, und alle, die sich auf die Entlassung gefreut hatten, waren bitter enttäuscht. Dann setzte sich das Gerücht durch, daß die Entlassungen erst in Frankfurt am Main erfolgen würden, wo sich das Hauptquartier der Amerikaner befand, und daß irgendwann ein Bahntransport dorthin stattfinden würde. Sonst aber gab es nichts Neues, und doch gab es etwas Neues: Das waren die Wachtürme, die an den Ecken der quadratisch angeordneten Lager aufgestellt waren, in die der Flugplatz aufgeteilt war. Auf ihnen saßen die Wächter mit Maschinengewehren, und rund um jedes Lagerquadrat befand sich ein hoher doppelter Stacheldrahtzaun, und man mußte einen Sicherheitsabstand von drei Metern zum Zaun einhalten. Die Wachmannschaften waren alles farbige Amerikaner, natürlich in Siegerlaune, die sie gerne am Abzug ihres MG´s spielen ließ. Darum knallte es ständig um uns herum, und man tat gut daran, den Abstand zum Zaun exakt einzuhalten. Die Verpflegung war schlecht. Ich hatte ständig Hunger. So vergingen weitere Wochen, in denen ich feststellen konnte, daß beim amerikanischen Militär die Hierarchie noch stärker war als beim deutschen. Die Ami-Offiziere ließen sich nicht herab, mit den farbigen Soldaten auch nur zu sprechen. Sie hatten ihre Mittelspersonen, und sie bekamen auch eine ganz andere, sehr viel bessere Verpflegung, wie man an den Abfalltonnen feststellen konnte, die natürlich wann immer möglich von den Gefangenen inspiziert wurden. Aber man übergoß sie stets mit Benzin und der Inhalt war damit für unsere leeren Mägen unbrauchbar. 

Endlich kam dann der Abtransport per Eisenbahn, und in offenen Güterwaggons ging es in Richtung Frankfurt zur “Entlassung”. Die Wachmannschaften aber saßen vorne und hinten im Zug in geschlossenen Waggons und kümmerten sich wenig um die Gefangenen. 

Jetzt auf der Fahrt durch Deutschland sah ich zum ersten Mal die schrecklichen Zerstörungen, die durch den furchtbaren Luftkrieg entstanden waren. Auch das Eisenbahnnetz war schwer beschädigt. Das merkten wir daran, daß der Zug ständig zu halten gezwungen war, um einen entgegenkommenden Zug abzuwarten. Auch sahen wir auf allen Bahnhöfen massenhaft, durch Kriegseinwirkung zerstörte ,Lokomotiven und Waggons stehen. Bei einem dieser Aufenthalte an einem Bahnwärterhäuschen bei Göttingen entdeckte ein in unserem Wagen fahrender ehemaliger Feldwebel der Luftwaffe das Bahnwärterhäuschen seines Vaters. Er sprang hinaus, um alle seine Klamotten dort abzugeben. Nachdem er seinen Vater begrüßt hatte, und obwohl die Wachen überhaupt nicht reagiert hatten, kletterte er wieder zurück in den Waggon, “Es sind ja nur noch ein paar Tage bis zur Entlassung, warum soll ich die Klamotten erst nach Frankfurt schleppen!” Der arme Kerl mußte wie ich und auch alle anderen Kriegsgefangenen noch 3 Jahre in Frankreich aushalten – ohne seine Klamotten.

Das zerstörte Köln 1945

Bei Kaub am Rhein war eine Pontonbrücke über den Rhein geschlagen, weil alle anderen Brücken zerstört waren, und der Zug führte uns hinüber, ohne daß wir Frankfurt überhaupt gesehen hatten. Das nun unbekannte Ziel war Bad Kreuznach, das erste französische Gefangenenlager, das ich kennenlernte. Hier gab es keine Zelte oder gar Baracken, hier gab es nur Erdlöcher und für beinahe dreitausend Mann gab es nur einen einzigen Wasserhahn und keine einzige Toilettenanlage. Alle mußten um Wasser anstehen, um die Feldflasche zu füllen, verging beinahe der ganze Vormittag, und an Waschen war gar nicht zu denken! 

Die Erdlöcher waren schon von den vorherigen Lagerinsassen gebaut worden, sowohl zum Schutz gegen Wetterunbilden, als auch zum Schutz gegen Beschuß durch die Wachmannschaften! Die Wachmannschaften waren Algerier und Marokkaner, die wohl auch Anweisung bekommen hatten, bei Dunkelheit sofort zu schießen, falls sich etwas im Lager bewegen sollte oder gar das Streichholz eines Rauchers aufleuchtete. Da das Leben eines Deutschen in dieser Zeit nicht viel galt und die ehemaligen Kolonialvölker sowieso einen Hass auf alle Menschen mit weißer Hautfarbe hatten, war es lebensnotwendig, sich außerhalb der Schußlinie zu halten. Bei beginnender Dämmerung kroch man also in sein Erdloch und wartete auf die Morgendämmerung, um so schnell wie möglich an den Wasserhahn zu gelangen. 

Ich weiß heute nicht mehr, wie lange dieser Zustand dauerte. Waren es zwei Wochen oder drei? Eines Tages kam der Befehl, die Sachen zusammen zu packen und sich zum Abmarsch fertig zu machen. Zunächst ging es wieder zurück zum Bahnhof zur Verladung. Vorher bekam jeder Gefangene fünf Eßkastanien als Verpflegung. Die Fahrt ging wieder in offenen Waggons unter Bewachung durch Marokkaner, die jedes Mal vor dem Passieren einer Brücke Maschinengewehr-Salven über die auf der Brücke stehenden Franzosen abfeuerten, um diese daran zu hindern den Zug mit Steinen zu bombardieren. Nicht um uns Deutsche zu schützen, sondern nur zu ihrer eigenen Sicherheit. Wir waren einige Tage unterwegs gewesen und hatten außer unseren fünf Kastanien keine weitere Verpflegung bekommen. Ich konnte allerdings ein kleines Geschäft mit einem Marokkaner machen. In meinem Seesack hatte ich noch ein Paar leichte Ausgehschuhe, und der Hunger war groß. Bald kam ein marokkanischer Wachsoldat vorbei, dem bot ich die Schuhe gegen ein Brot an. Tatsächlich nahm er die Schuhe mit, und ich zitterte um das Brot. Aber nach einiger Zeit kam er tatsächlich mit dem Brot zurück, das er auch niemanden sehen lassen durfte. Wie erlöst ich war, kann man sich nicht vorstellen! Doch das Brot war nur klein, und in dem Waggon waren ca. 50 Leute! Also wurde es nur unter den paar von Norwegen her Bekannten verteilt. Der Zug hatte mehrere Male Aufenthalte. Wie auch in Deutschland lief auch hier in Frankreich der Bahnverkehr noch nicht wieder regelmäßig. Einen dieser Stopps nutzte eine Gruppe von deutsch sprechenden Franzosen, ich nehme an es waren Lothringer, den Zug zu stürmen. Sie forderten von uns hauptsächlich Uhren und Ringe, auch Eheringe. Als der Zug weiterfuhr, flüchteten sie mit ihrer Beute, von den Wachmannschaften unangefochten. 

Am Zielbahnhof angekommen, wurden wir mit Kolbenschlägen und unter anderen Bedrohungen auf LKW´s verladen und in ein Zwischenlager gebracht, das vorher wohl ein Gefangenenlager für Offiziere gewesen war. Es gab Holzbaracken mit kleinen, gepflegten Vorgärten in denen grüne Bohnen wuchsen, die allerdings für uns eine Gefahr waren, denn wir hatten keine Kochmöglichkeit und bei dem Hunger die Bohnen roh zu essen und gar noch Wasser dazu zu trinken hätte tödlich wirken können. In dem neuen Lager, dessen Namen oder Bezeichnung ich nicht mehr erinnere, wurden wir erst einmal gefilzt, das heißt alle Gefangenen mußten mit ihren Sachen antreten und wurden zu einer größeren Halle geführt, in der französische Soldaten schon auf die Beute warteten, die sie nun machen würden. Etwas in unserer Baracke zu verstecken, wäre sinnlos gewesen, denn erstens standen wir unter Kontrolle, und zweitens suchten die Bewacher doch alle Stellen ab, an denen man etwas hätte verstecken können, sobald die Räume verlassen waren. Ich besaß ein Taschenmesser, das ich auf keinen Fall missen wollte, obwohl es streng verboten war, ein solches zu besitzen. Im Seesack konnte ich es nicht lassen, und so steckte ich es einfach in die Hosentasche in der Hoffnung, daß ich es in einem günstigen Augenblick doch noch irgendwo verstecken könnte. Und tatsächlich! Im letzten Augenblick, bevor ich die Halle zur Durchsuchung betreten mußte, gab es einen Stau direkt an der Eingangstür neben einer Regentonne. Ich ließ mein Taschenmesser fallen und schob es mit dem Fuß unauffällig unter die Tonne. Am Abend holte ich es mir wieder, und ich besitze es heute noch.

Aber es gab noch ein weiteres Problem. Eine Filzung ist eine genaue Durchsuchung, wobei der Kontrollierte wirklich nichts verbergen kann. Jedes Stück, auch der Inhalt der Hosentaschen, mußte auf Tischen ausgebreitet werden, und dann wurde alles auseinandergenommen, damit auch nichts übersehen werden konnte. Bei mir fiel aus einer Büchse, in der ich meinen Tabak verwahrte, ein silbernes Zigarettenetui, das mir mein Onkel Ernst-August aus Königsberg zum Abschied geschenkt hatte. Ein teures Andenken also, das sofort in der Tasche des Filzers verschwand. Der hatte aber mit meinem Protest nicht gerechnet. Denn nach meinem Erfolg mit dem Kocher und der Bratpfanne in Norwegen, wurde ich sofort bei dem wachhabenden Offizier in der Halle vorstellig. Ich beanstandete mit Erfolg in meinem besten Französisch, das damals noch sehr brüchig war, diesen offensichtlichen Diebstahl, d.h. der Soldat mußte mir das Etui vor den Augen des Offiziers wieder zurückgeben. Sonst aber war dieses Lager sehr schlecht. Alle litten unter großem Hunger. Man sammelte Brennnesseln und Holz, um die Brennnesseln zu kochen. Die sonstige Tagesverpflegung beschränkte sich auf einige Kastanien und einige Kartoffeln Bei der Brennnesselsuche kam es leider zu einem Zwischenfall. Einer der Brennnesselsammler wurde von Wachen erschossen, angeblich auf der Flucht! 

Auch hier war unsere Zeit bald beendet, aber wir sollten noch lange nicht entlassen werden, sondern man transportierte uns zunächst nach Voves im Departement Eure et Loire. Hier war ein großes Massenlager aufgebaut mit vielen großen Kompaniezelten in verschiedenen Quadraten, die durch Stacheldrahtzäune und Wachtürme voneinander getrennt waren. Die Zelte waren Langzelte mit doppelreihiger Belegung, das heißt auf beiden Seiten eines Mittelganges standen doppelstöckige Pritschen, die mit Maschendraht bespannt waren. Das Jahr war nun schon weiter fortgeschritten, es war Herbst geworden, und in den Zelten gab es natürlich keine Heizgelegenheiten, und es gab auch keine Decken. In der Nacht zog man alles an, was einem noch verblieben war, und tagsüber rannte man innerhalb des mit Stacheldraht abgetrennten Lagers herum, um warm zu werden, oder wir spielten Karten. Dabei kam mir meine Pelzjacke in den Sinn, die ich seit Norwegen mit mir herumschleppte. Zufällig war unter den Kartenspielern ein Mann, der sich in solcherlei Schneiderarbeiten auskannte. Der half mir, die Felljacke als Futter in meine Uniformjacke einzunähen. Nun hatte ich warme Bekleidung und das war ein großer Vorteil, denn es war inzwischen auch Winter geworden. 

Das Essen war in Voves ausgesprochen schlecht, wie überall in den Gefangenenlagern. Wir alle hungerten erbärmlich, und es gab überhaupt keine Möglichkeit, auf irgendeine Weise an Eßbares heran zu kommen. Darum wurde natürlich viel darüber phantasiert, welche guten Speisen man nach der Rückkehr sofort auf den Tisch bringen würde. Der Favorit war natürlich Gänsebraten! Ich hatte die Idee, später einmal meinen Gästen die Lagersuppe aus Kichererbsen nachzukochen und zu servieren. 

Eines Tages wurden Leute gesucht, die im Lager für Ordnung sorgen sollten. Da sich aber niemand meldete, berieten wir, meine Skatkumpel und ich, ob einer von uns sich melden sollte um eventuell durch den höheren Posten auch eine bessere Verpflegung zu empfangen. Ich wurde dazu ausgewählt und meldete mich bei der deutschen Lagerleitung. Aber erst als die Amerikaner, die in Chartres stationiert waren, von der Misere in Voves erfuhren und großmäulig eine großzügige Hilfe anboten, hatte ich das Glück, eine bessere Verpflegung zu empfangen. Diese großzügige Hilfe bestand aus süßem Suppenpulver, das bei uns im Lager zu Suppe verkocht wurde. Es war für jeden Lagerinsassen etwa ein ganzes Kochgeschirr voll. Für mich und die anderen “Ordnungshüter” aber blieben zwei Kochgeschirre. 

Es gab dann keine amerikanische Hilfe mehr und der Essensrausch versiegte in der üblichen Wassersuppe.

Karte Frankreichs in Europa in den Grenzen von 2010,
das Département Pas-de-Calais liegt im Nordnordosten nahe Dunkerque

Im Spätherbst wurde das Lager aufgelöst, und ein Teil der Mannschaften, darunter auch ich und meine Skatkumpels, wurden in das Lager Dannes im Pas-de-Calais umgesiedelt. Dies war keine große Verbesserung unserer Lage. Hier mußten wir schon bei der allmorgendlichen Flaggenparade strammstehen und die Marseillaise singen. Ansonsten geschah hier nichts Aufregendes. Die Zelte waren mit Baracken vertauscht, und der Ton der Wächter war wesentlich strenger. 

 

Eines Tages wurden cirka 30 Mann für ein Sonderkommando ausgesucht und wir, die Skatbrüder und ich, waren dabei. Die Fahrt auf dem LKW ging nach Calais und dort von dem Platz, wo wir abgeladen wurden, zu Fuß zu unserer Arbeitsstelle. Auf dem Weg dorthin, der sich durch die ganze Stadt hinzog, standen viele Bürger mit drohend erhobenen Fäusten. Man war sich nicht sicher, ob nicht auch Steine geworfen würden, und als dann ein älterer Mann mit einem Beutel in der Hand vom Bürgersteig aus zwischen unsere Reihen sprang, gab es fast eine gefährliche Situation. Aber er hatte in seinem Beutel eine Baguette, die er einem Kriegsgefangenen schenken wollte. Da er bei seinem Sprung neben mir gelandet war, gab er das Brot mir und verschwand sofort wieder in der Menge. Alle meine Mitgefangenen schauten nun auf das Brot, aber es war leider nur ein Brot, und als ich es mit meinen Nachbarn geteilt hatte, war es gegessen. Nach dieser Episode hatte ich den Eindruck, daß doch nicht alle Franzosen so feindselig und unversöhnlich uns gegenüber waren. 

Das Ende unseres Marsches war im Hafen der alte Leuchtturm. Der Keller dieses Bauwerkes sollte für die nächsten Monate unsere Unterkunft werden. Als wir bei unserer Ankunft durch das Hafengebiet marschiert waren, sahen wir die unglaublichen Zerstörungen, die durch den Krieg entstanden waren, einmal durch Luftangriffe der Alliierten und einmal durch Sprengungen der Deutschen beim Rückzug. Fast alle Kaianlagen im Hafen waren zerstört. Einige im Außenhafen waren noch in Ordnung und wurden von den Engländern zur Ein- und Ausschiffung der Besatzungstruppen aus Deutschland verwendet. Offenbar waren die deutschen Häfen noch mehr zerstört. Auch das englische Postschiff hatte seinen Liegeplatz ganz in der Nähe des Leuchtturmes. Bis hierher ging ein Bahngleis, auf dem der Postwagen, wie auch Urlaberzüge bis fast vor die Tür des Leuchtturms geschoben wurden. 

Wir richteten uns im Keller des Leuchtturmes ein. Dort gab es mehrere Räume, die nicht besonders abgeteilt waren. Ein Raum war gleich links neben der Eingangstür und ein weitgrößerer Raum war direkt unter dem Turm. Es gab doppelstöckige Holzpritschen mit Strohsäcken, also ganz komfortabel, nur eine Toilette gab es nicht. Damit die Leute nicht gezwungen waren ihre Bedürfnisse im Freien zu erledigen, wurde ein nahegelegener Bunker zur Toilette gewählt. Nachts allerdings wurde die Tür des Leuchtturms abgesperrt, dann mußten die Insassen mit einem Faß vorlieb nehmen, das abends in den Keller getragen wurde und dann dort seinen Gestank verbreitete. 

Unsere Arbeit in Calais bestand darin, die, nach den Sprengungen beim Rückzug der Deutschen Wehrmacht, noch in den Kaianlagen noch verbliebenen Sprengkammern zu räumen. Dazu bekamen wir Schaufeln, Kreuzhacken, Stahlmeißel und schwere Vorschlaghämmer. Bohrhämmer oder andere maschinelle Hilfen gab es nicht. Keiner von uns wußte, was uns bevorstand. Daß es eine sehr gefährliche Arbeit werden würde war uns allen klar. Wir wurden in Gruppen zu 5 Leuten eingeteilt und zu den Sprengkammern geführt. Als wir dann sahen, was uns in Wahrheit bevorstand, waren wir der Verzweiflung nahe. Wir sollten versuchen dem schweren Beton mit Hammer und Meißel bei zu kommen. Die Betonplatte auf einer Sprengkammer war aber ca. 25 cm stark und aus reinstem Stahlbeton. Schon der erste Versuch schlug fehl, weil der Meißel auf die Armierung traf, abrutschte und eine Handverletzung bei einem aus unserer Gruppe verursachte. Daher wurden wir vorsichtiger und spannten die Meißel in Holzlatten, die hier überall herumlagen. In einer Sprengkammer werden im unteren Teil eine Seemine und mehrere Pakete mit Dynamitstangen eingelagert. Darüber wird Sand eingefüllt, und um die Sprengkraft noch zu erhöhen, wird auf die Kammer eine etwa 25 cm starke Stahlbetonplatte gegossen. 

Der Aufbau einer Sprengkammer war wie folgt: Unten in etwa 2,5m Tiefe eine dünne Betonplatte etwa 2,40 x 2,00 m. Die Seitenwände bis zur Oberkante etwa ca. 2,50 m hoch, 

AHOI Bunte Sprengkammer 

Skizze einer Sprengkammer 

in etwa 0,80 m Höhe eine 20 cm starkem Betonplatte, und oben in Bodenhöhe eine Abdeckplatte aus extra Stahlbeton Beton ca. 25 cm stark, wie auch die Seitenwände. 

Nun mußte zunächst die obere Platte zerschlagen und abgetragen, dann der Sand herausgeschaufelt und dann die untere Platte zerschlagen werden um an die Mine und das Dynamit zu gelangen. Dann mußte einer von uns die Mine entschärfen, das heißt, die “Stacheln” entfernen, und dann konnte die Mine aus der Kammer gehievt werden. Lag sie dann auf der Kaimauer, dann wurde der Eisenring, der die beiden Hälften zusammenhielt, aufgeschlagen. Die Mine fiel dann auseinander, und man konnte ihr den Sprengstoff entnehmen, der mit Lastwagen zu einen großen Bunker transportiert und in diesem Bunker gesprengt wurde. 

Der Mensch gewöhnt sich an alles, sogar an die widrigsten Umstände. Mit niemandem konnte man in Verbindung treten, Radio gab es natürlich nicht und es gab auch keine Post. Außerdem standen wir unter ständiger Bewachung, und in der Nacht wurde die Tür verschlossen, und die Eisenstäbe vor den Kellerluken verhinderten einen Ausbruch. Wo hätte man sich auch hinwenden sollen? Einige Hoffnungen setzte ich auf die Engländer, die regelmäßig mit dem Postzug aus Hamburg kamen, der nicht weit von unserer Unterkunft auf dem Gleis stand. Mit ihnen konnte ich sprechen als eines Tages die Gelegenheit günstig erschien. Ich versuchte mit ihnen in Kontakt zu kommen und erzählte ihnen von der tiefen, Freundschaft meiner Mutter mit Frau Devonport in Birmingham und gab ihnen auch die Adresse. Sie wollten sich wohl darum kümmern, aber der Erfolg blieb aus. Sie hätten mich auch leicht zwischen ihren Postsäcken verstecken können. Aber ich war wohl von unserem Wachmann beobachtet worden, denn er stürmte den Postwaggon mit erhobener Pistole und brachte mich, die Pistole im Rücken, mit schlotternden Beinen zurück in unserem Keller, wo er mir und natürlich auch den anderen, die alles beobachtet hatten, eine riesige Standpauke hielt. Als er damit fertig war und mir endlich die Pistole vom Rücken nahm, war ich nicht mehr weit von einem Zusammenbruch. Einige Wochen später lud mich dieser Mann zu sich nach Hause zum Mittagessen ein. Dabei erzählte er mir seine Geschichte, daß er beim Widerstand gewesen und daher nicht gut auf die Deutschen zu sprechen sei, und vieles andere mehr. Wir wurden dann zwar keine Freunde, aber er grüßte mich immer und gelegentlich brachte er auch etwas zum Essen. 

Das Essen war natürlich auch schlecht, wobei man bedenken muß, daß die Franzosen damals auch sehr schlecht verpflegt wurden. Aber natürlich versuchte man, soviel wie möglich Eßbares zu ergattern. Da gab es zum Beispiel in erreichbarer Nähe Abstellgleise der Eisenbahn. Hier wurden die Urlauberzüge der Engländer, die aus Deutschland kamen, gereinigt. Wenn man es schaffte, vor dem Reinigungspersonal in so einen Zug zu gelangen, dann konnte man dort Tüten mit belegten Broten oder auch Zigaretten finden. Dann gab es ganz in der Nähe eine Anlegestelle für ein Minensuchboot. Mit der Besatzung nahm ich Kontakt auf, und manchmal stellten sie dann eine Tonne mit Essensresten auf die Pier. Das zu essen, war zwar nicht sehr appetitlich, aber der Hunger war einfach zu groß. 

Weiterhin gab es im Hafen auch viele Mauerflächen, die infolge der hohen Gezeitenunterschiede mit Miesmuscheln bewachsen waren. Verschiedene dieser Mauern waren von unserer Behausung aus zugänglich, und das wurde natürlich von uns ausgenutzt. Bald aber waren sie von uns abgegrast. Im Keller hatten wir einen Ofen, der auch beheizt werden konnte, wenn wir Feuerholz von der Baustelle mitgebracht hatten, und darauf wurde sehr geachtet. Auf diesem Ofen kochten wir unsere Muscheln. Aber gerade am ersten Weihnachtsfeiertag, also am 25. Dezember 1945, der in Frankreich ein großer Feiertag war, passierte es, daß die ganze Mannschaft eine Muschelvergiftung hatte. Am Heiligen Abend hatten wir, in Ermangelung eines anderen weihnachtlichen Festessens, Miesmuscheln gesammelt und auf unserem Ofen gekocht. Da wahrscheinlich bei der Auswahl der Muscheln vor dem kochen nicht richtig aufgepaßt worden war, hatten sich offene, also tote, und daher nicht eßbare Muscheln darunter befunden. Am ersten Feiertag hatte auch kein Wachmann Dienst, und unsere Behausung im Leuchtturm blieb versperrt. Nur unser dürftiges Faß diente als Nothilfe. 

Unser Einsatz ging nach weiteren Monaten des Schuftens und Hungerns sehr traurig zu Ende: Bei der Sprengung von Minen in dem Bunker an der Küste kam einer meiner Skatbrüder ums Leben. 

Nach diesem Einsatz wurde die Gruppe in ein Außenlager von Dannes mit dem Namen Hesdin (P.d.C.) gebracht, wo wir weiter auf unsere Entlassung warteten. Das war eine schlimme Zeit, denn niemand konnte sagen, was noch alles passieren würde. Man stand morgens auf und gammelte den ganzen Tag dahin. Am schlimmsten war, daß auch aus der Heimat keine Nachrichten kamen. In Voves hatte ich die Möglichkeit genutzt, eine Nachricht nach Potsdam zu senden, aber ob die überhaupt befördert worden war? Das wurde allgemein bezweifelt; denn darüber waren nun beinahe 7 Monate vergangen und die Hoffnung auf eine Antwort schwand langsam dahin. 

Unter den “PG´s” (Prisonnier de Guerre) wurde gemunkelt, daß einige in die nahen Bergwerke geschickt und andere in der Landwirtschaft eingesetzt werden sollten. Mein bevorzugter Berufswunsch war damals noch immer Landwirt zu werden. Da ich die Situation in Deutschland nicht kannte, schwebte mir ein Hof, mit Kühen und Pferden, Hühnern und Gänsen in Mecklenburg vor. Hier wollte ich auf keinen Fall unter Tage arbeiten, und darum erlaubte ich mir, in meiner Erkennungskarte eine Fälschung vorzunehmen: Den Eintrag Beruf: Schüler änderte ich in: Beruf: Landwirtschaftlicher Schüler. Einige Wochen später konnte ich dann anhand dieser Fälschung beweisen, daß ich mit der Landwirtschaft zu tun hatte, und entkam auf diese Weise dem Bergbau. 

Ende des zweiten Teils
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(Erster Teil)
(Dritter Teil)
(Vierter Teil)

(Text, Bilder, Grafiken: Copyright Soldatenglück.de, Hans Niemeyer & Dirk Hamel;
Bildquelle:
Deutsches Historisches Museum.de, Blick auf das zerstörte Köln, 1945;
Grafikquelle:
Frankreichs Flagge und Karte:
CIA.gov)

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