Dies ist ein Bericht über meine Dienstzeit
beim Reichsarbeitsdienst
vom 1. April 1943 bis September 1943,
bei der Kriegsmarine
vom November 1943 bis 14. Mai 1945
und der anschließenden Kriegsgefangenschaft
bis September 1948. Â
Vierter Teil (Dritter Teil) (Zweiter Teil) (Erster Teil)
Kriegsgefangenschaft in Frankreich
und Rückkehr nach Deutschland Â

Schloss Sanssouci (frz. sans souci, ohne Sorge) in Potsdam
Bildquelle: Militärgeschichtliches ForschungsamtÂ
Dabei änderte sich nicht viel. Ich bekam zwar meinen Lohn, aber davon hatte ich wenig, denn, ich kam gar nicht in die Stadt, wo man etwas kaufen konnte. Außerdem war er so knapp bemessen, daß ich eisern sparen mußte, um überhaupt etwas kaufen zu können. Aber immerhin konnte ich Kleinigkeiten, die mir vorher geschenkt wurden, jetzt selber bezahlen.
Mit meiner Schwester in Freiburg nahm ich gleich Kontakt auf und schrieb ihr von meinem Entschluß, noch ein Jahr in Frankreich zu bleiben, und von meinen Urlaubsabsichten. In der Landwirtschaft sind die Wintermonate immer die Zeit der relativen Ruhe, und in dieser Zeit kann man schon mal einige Wochen faulenzen. So verabredeten wir uns für etwa vier Wochen von Mitte Februar bis Mitte März. Ich sollte nach Freiburg fahren, und von dort aus würden wir dann gemeinsam einiges unternehmen. Meine Dienstherrin, Madame Roche, war einverstanden, und so stand dem nichts im Wege.
Zunächst aber ging die Arbeit auf den Feldern und in der Ferme weiter. Es waren ja noch einige Monate bis Weihnachten und dann noch einmal fast zwei bis Mitte Februar. Trotzdem aber überlegte ich schon, in welcher Kleidung ich fahren sollte; denn ich hatte doch nur meine alten, inzwischen ziemlich abgetragenen Uniformklamotten, und mit dem Geld, das ich hier verdiente, konnte ich mir keinen neuen Anzug kaufen, geschweige denn Koffer oder Reisetasche. Hier wußte ein Pole Rat. Dieser Pole, einer von vielen, die in den Kohlengebieten lebten, war ein ständiger Besucher unserer Ferme. Er handelte mit allem was es damals zu kaufen oder auch nicht zu kaufen gab. Er konnte alles beschaffen. Er kaufte und verkaufte auch auf unserer Ferme und da es damals für normale Menschen noch keine Autos gab, schaffte er alles, auch ein ganzes geschlachtetes Schwein von etwa zwei Zentnern, mit dem Fahrrad weg, ebenso wie Mehl- oder Getreidesäcke. Dieser Pole wurde mein Retter aus der Not. Tatsächlich brachte er eines Tages ein paar Hosen, Jacken und Hemden zur Auswahl und auch einen Koffer. Damit war mein Kleiderproblem gelöst.
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Hans Niemeyer in Wehrmachtsuniform der Kriegsmarine
Zu der Zeit hatten wir auch einige Gänse auf der Ferme, und ich konnte mir vorstellen, daß sich meine Schwester sehr über einen Gänsebraten freuen würde. So überlegte ich, wie ich wohl eine der Gänse erstehen könnte. Da kam mir die Madame sehr großzügig entgegen, indem sie mir nicht nur eine Gans, sondern auch noch eine gute Portion Butter versprach.
Zunächst kam jetzt erst einmal das Weihnachtsfest 1947. Inzwischen hatte ich bei der Feldarbeit einige Deutsche kennengelernt, und wir hatten uns verabredet, am Heiligen Abend in die Kirche im Nachbarort zu gehen, um an der Mitternachtsmesse teilzunehmen. Dort hatte einer meiner neuen Bekannten auch sein Domizil, das heißt seine Arbeitsstelle als Kriegsgefangner. Am Abend des 24. Dezembers ging ich hinüber ins nächste Dorf und fand auch gleich die Unterkunft. Die Anderen warteten schon auf mich, denn ich hatte den weitesten Weg. Zunächst versuchten wir, ein gemütliches Fest zu feiern. Das aber gelang uns nicht angesichts der traurigen Schicksale meiner neuen Bekannten. Jeder von uns hatte den Verlust von einem oder sogar mehreren Familienmitgliedern oder auch großer materieller Schäden zu beklagen. Darum wurde dieses Weihnachtsfest kein frohes Fest, und wir alle gingen mit wehem Herzen zur Messe. Nun aber war die kleine Kirche so überfüllt, daß wir keinen Platz mehr bekamen und im Eingang der Kirche stehend an der Messe teilnehmen mußten. Natürlich wurde die Messe teils in französischer und teils in lateinischer Sprache mit französischem Einschlag gelesen, und da wir sehr weit entfernt standen, konnten wir leider nicht viel verstehen und verließen das Gotteshaus nicht sehr erbaut. Unser Abschied war kurz, denn der Weg nach Hause war weit und am nächsten Tag war Arbeitstag. Obwohl Feiertag, mußten die Kühe gemolken und die Stallarbeit verrichtet werden. Außerdem würden heute auch wieder alle Familienmitglieder zum Diner kommen, und daher sollte der Stall auch noch für die Pferde hergerichtet werden. Damit war ich vollkommen ausgelastet, schaffte es aber, und als der erste Wagen durch die Einfahrt rasselte, war der Hof sauber gefegt, der Misthaufen aufgesetzt und der Kuhstall frisch geputzt. Es blieb mir kaum Zeit, mich selbst festtagsmäßig herzurichten. Diesmal wurde ich nicht nur freundlich behandelt, sondern wurde zum Festsuper von Madame selbst eingeladen, und auch die Gäste lächelten mich nicht nur an, sondern unterhielten sich mit mir. Ich wurde offenbar nicht mehr als Außenseiter betrachtet, und so wurde es auch für mich ein schönes Fest. Und die Kochkünste der Madame ließen nichts zu wünschen übrig. Als es dämmerte, war für mich die Zeit vorbei, Ich mußte in den Stall zum Melken und Füttern. Diesmal hatte ich keine Hilfe und erst bei der letzten Kuh kam die Madame und war erstaunt, daß die Arbeit schon getan war. Ich half ihr dann noch die Milch durch die Zentrifuge zu drehen. Ich sah, wie die Gäste ihre Pferde wieder einspannten und die Laternen anzündeten, um wieder nach Hause zu fahren. Dann hatte ich Feierabend und legte mich ins Bett, ich war müde genug.

Karte Frankreichs in Europa in den Grenzen von 2010,
das Département Pas-de-Calais liegt im Nordnordosten nahe Dunkerque
Im Januar 1948 begann die Vorfreude auf meinen mir zugestandenen Urlaub. Ich mußte Paßbilder machen lassen und dann zur Präfektur, um mir einen Paß ausstellen zu lassen, und ich mußte eine Bahnverbindung über Paris und Offenburg nach Freiburg im Breisgau erfragen. Die Fahrkarte erhielt ich nach Vorzeigen des Passes gratis. Reisetag war Anfang Februar. Bei all diesen Vorbereitungen gab es keinerlei Probleme. So packte ich also zuversichtlich meinen Koffer mit einer riesigen Gans, einem großen Paket Butter und natürlich reichlich Marschverpflegung neben meinen persönlichen Sachen. Achille fuhr mich mit dem Pferdewagen zum Bahnhof in Anvin, und ich fuhr wohlgemut ab über Paris – Offenburg- nach Freiburg i.B. Zunächst aber ging es erst einmal mit dem Personenzug nach Paris. Dort kam ich morgens in aller Frühe am Gare du Nord an. Es war in der zugigen Bahnhofshalle höchst ungemütlich, zumal die Bahnhofsgaststätten noch geschlossen waren. Auch Bahnpersonal war nicht zu finden, um zu fragen wie ich weiter zum Gare de l’Èst käme. Aber es war auch zu kalt, um sich einfach auf die Stufen oder auf eine Bank zu setzen. Darum trottete ich zum Bahnhofsausgang in der Hoffnung, jemanden zu finden, der mir den Weg erklären konnte, oder nach einem Bistro, wo ich mich nach dem Weg zum Gare de l`Est erkundigen konnte und wo ich auch einen heißen Kaffee trinken könnte. Tatsächlich fand ich ein Straßencafé, das schon geöffnet war. Dort konnte ich mich hinsetzen, bestellte einen Café und aß dazu meine Brote. Die Bedienung war sehr freundlich und sah darin auch nichts Anstößiges. Wegen der frühen Stunde war ich auch der erste Kunde und allein. An meinem Gepäck merkte sie, daß ich auf der Reise war, und an meinem Akzent erkannte sie mich als Deutschen. So kam es denn auch zu einem Gespräch, in welchem ich erklärte, daß ich Kriegsgefangener war und nach Deutschland reisen würde, um dort meine Angehörigen wiederzusehen. So erfuhr ich auch den Weg zum Gare de l`Èst. Mein Zug nach Offenburg sollte erst am Abend abfahren, darum dehnte ich das Frühstück soweit wie möglich aus, weil es in dem Bistro auch schon warm war, nahm dann mein Gepäck und marschierte langsam los.
Ich war schon auf der richtigen Straße, aber ich mußte noch etwa 6 Kilometer laufen. Straßenbahn oder Bus fuhren so früh noch nicht, und eine Fahrt damit konnte ich mir auch nicht leisten.
Nach all` den Jahren in Gefangenschaft, erst in Norwegen, dann in den Lagern bei Bremerhaven, Bad Kreuznach, Voves, Dannes, Calais, Hesdin und schließlich auf dem Bauernhof, konnte ich die Großstadt Paris kaum erfassen. Ich bestaunte die großen Häuser ebenso wie die allerdings meistens noch leeren Läden oder den Bahnhof, den ich gerade verlassen hatte. Von Bombenkrieg und Zerstörung war hier nichts zu bemerken. Nur die Häuserfronten sahen schmutzig grau aus, und die Straßen waren fast leer und schmutzig. Auf den Straßen gab es kaum Passanten. Das alles machte auf mich keinen guten Eindruck. Aber die Vorfreude auf ein Wiedersehen mit meiner Schwester Lore half mir die aufkommende depressive Stimmung zu überwinden. Bis zum Gare de l’Est war ich einige Stunden unterwegs, und als ich ihn endlich erreichte, war ich ziemlich erschöpft.

Pariser Ostbahnhof, Gare de l`Èst
Bildquelle: Wiki-User Tangopaso
Im Bahnhof gab es einen Wartesaal, den ich, ohne Geld auszugeben, aufsuchen konnte. Hier verbrachte ich die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges. Wie in allen Wartesälen war hier ein ständiges Kommen und Gehen. Ich hatte in der ganzen Zeit Bedenken, daß mich jemand als Deutschen erkennen und mich dann vielleicht auch noch beschimpfen würde, weil damals die Deutschen keinen sehr guten Ruf hatten. Zum Glück aber war das nicht der Fall, und als der Zug so gegen 21 Uhr in den Bahnhof einfuhr, beeilte ich mich, einen Platz zu ergattern. Als ich den Zug bestiegen hatte, bekam ich einen riesigen Schreck: Auf einem Plakat wurde bekannt gemacht, daß Kriegsgefangene mit ihrem Gepäck auf dem Gang zu bleiben hätten, ebenso wie Militärpersonen der unteren Dienstgrade. Noch aber war in den Wagen nach Offenburg niemand eingestiegen, und ich setzte mich, die Anordnung ignorierend, auf einen schönen Fensterplatz in einem Abteil in der Mitte des Wagens. Eine Stunde verging noch bis zur Abfahrt des Zuges, und ich saß wie auf Kohlen in meiner Ecke, den Schlafenden markierend. Das tat ich auch während der ganzen Fahrt. Das Abteil war inzwischen voll geworden, aber ich ließ mich in meinem “Schlaf” nicht stören. Hin und wieder blinzelte ich und sah, daß auch die anderen bei dem gleichmäßigen, monotonen Geräusch der Räder eingeschlafen waren. Ich schlief jetzt auch ein, und die Nacht verlief ohne weitere Störung. Niemand kam zur Kontrolle, und niemand machte mir meinen Platz streitig. Ungefähr 1 ½ Stunden vor Offenburg begannen sich die ersten Mitreisenden zu regen, und nun kam man auch ins Gespräch. Man tauschte sich aus über das Woher und Wohin. Ich machte meine Ohren auf und erfuhr, daß alle geschäftlich unterwegs waren. Sie wollten im Schwarzwald Holz einkaufen. Dann wurde auch ich befragt, denn ich hatte es aufgegeben, mich schlafend zu stellen, was sonst bei den vielen Gesprächen auch unnatürlich gewirkt hätte. Ich wurde nach Woher und Wohin gefragt und gab Auskunft, daß ich aus dem „Pas de Calais“ käme und nach Offenburg wollte. Woraufhin mir erwidert wurde, daß man meine Herkunft schon geahnt hätte, weil meine Aussprache auf P.d.C. hindeutete. Sie bezogen mich nun in ihren Kreis mit ein. Als nun gefrühstückt wurde und ich nur wenig von meinen mitgebrachten Reichtümern preisgab, boten sie mir sowohl Frühstücksbrote als auch Wein aus einer Flasche Rotwein an, die reihum ging. So verging die Zeit in sehr fried- und freundschaftlicher Atmosphäre wie im Fluge, und wir näherten uns Offenburg. Mit Herzklopfen erwartete ich die Zöllner, die zur Paßkontrolle durch den Zug gingen, denn ich mußte, indem ich den Kriegsgefangenenpaß vorzeigte, meine Identität preisgeben. Ich nahm an, meine Mitreisenden würden mich zumindest als Deutschen beschimpfen, weil ich ihnen einen Teil der Wahrheit verschwiegen hatte. Aber es kam ganz anders, als ich erwartet hatte. Als die Zöllner kamen, wurden alle ganz ruhig. Offenbar mußten jene als Respektspersonen behandelt werden. Natürlich hatte auch ich Respekt vor ihnen, wenn ich an den Inhalt meines Koffers dachte. Mit einem mehr oder weniger freundlichen Morgengruß betraten sie unser Abteil und verlangten die Pässe zu sehen. Als sie meinen Paß sahen, er hatte, glaube ich, mehr als 15 Seiten und war ausziehbar wie eine Ziehharmonika, sagte keiner im Abteil einen Ton. Die Zollbeamten schauten mich nur an, stempelten den Paß ab und gaben ihn mir wieder zurück ohne mein Gepäck zu beachten. Als sie das Abteil verlassen hatten, ging die Fragerei gleich los. Aber alle waren sehr nett zu mir, und wünschten mir beim Abschied in Offenburg eine gute Weiterreise.Â
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Bald kam ich in Freiburg an. Hier mußte ich mir den Weg zur Mozartstraße durch die Trümmerlandschaft suchen. Straßenschilder waren nur noch vereinzelt zu finden. Aber die Leute, die ich nach dem Weg fragte, waren sehr freundlich und gaben mir bereitwillig Auskunft. Sie ahnten wohl oder sahen es an meinem Gepäck, daß ich ein Heimkehrer war, denn Touristen gab es zu dieser Zeit noch nicht. Schließlich kam ich in der Mozartstraße an und wurde von Tante Selma empfangen.
Tante Selma war die jüngste Schwester meiner Großmutter. Sie hatte sich dazu bereit erklärt, meine Schwester Lore aufzunehmen, als diese im Jahr 1941 einen Arbeitsplatz als medizinische Assistentin an der Universitätsklinik in Freiburg angenommen hatte. Während des Krieges wurde die Klinik und damit auch Lores Arbeitsplatz, wegen der Luftangriffe, auf die Stadt, auf den Hausberg der Stadt Freiburg, den “Schauinsland”, verlegt, aber das Wohnverhältnis blieb weiter bestehen. Darum konnte Lore auch nach dem Krieg und nach den Bombenangriffen dort bleiben. Trotz aller Kriegswirren hatte Tante Selma den gepflegten Haushalt in ihrer Villa erhalten, wenn auch “Ausgebombte” einquartiert worden waren.
Nachdem ich von Tante Selma herzlich, aber nicht allzu herzlich begrüßt worden war und sie mich auch mit der Hausordnung bekannt gemacht hatte, zeigte sie mir meine Unterkunft und wies mich auch darauf hin, mit Wasser und Strom sehr sparsam umzugehen und keinen Krach zu machen. Na ja, bis hierher hatte ich es geschafft, und es würde schon weitergehen! Ich machte es mir erst einmal bequem, und als Lore nach Hause kam, gab es ein sehr viel herzlicheres Wiedersehen. Natürlich hatten wir viel zu erzählen und kamen darum erst sehr spät ins Bett. Aber auch da hatten wir noch nicht alles erzählt. Am nächsten Tag konnte es ja weitergehen. Jedenfalls hatten wir die Gans nicht vergessen, die ich noch im Gepäck hatte. Wir legten sie die Nacht über vor das Fenster, es war ja noch kalt draußen, und Lore nahm sie am nächsten Tag mit ins Labor und legte sie dort in den Kühlschrank. In Privathaushalten gab es so etwas, wegen der täglichen Stromsperren nicht. Die Butter, die ich ebenfalls mitgebracht hatte, gaben wir Tante Selma, deren Gesicht nun freudig erstrahlte. Wir verzehrten sie zum gemeinsamen Frühstück. Wo wir aber die Gans essen wollten, wußten wir noch nicht. Später, als Lore wieder von der Arbeit zurück war, sagte sie mir, daß wir sie bei Schang, ihrem damaligen Freund, essen würden. Am nächsten Tag mußte ich mich bei der Polizei anmelden und mir Lebensmittelkarten holen, denn Lebensmittel gab es damals nur auf Karten. Niemand konnte ohne solche Karten leben, und niemand konnte etwas kaufen, ohne daß die Abschnitte vom Verkäufer im Laden von der Karte abgetrennt wurden. Auch gab es in Gasthäusern nichts zu essen ohne einen solchen Abschnitt. Es war sozusagen eine Überlebensfrage, ob man Lebensmittelkarten besaß. Â
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Schang war in der Universitätsklinik Zahnarzt und nicht etwa ein Chinese, wie der Name, unter dem er mir vorgestellt wurde, vermuten ließ. Schang hieß eigentlich Dr. Schreiber. Er war irgendwann einmal auf einem Faschingsball als Chinese erschienen und hatte so täuschend echt ausgesehen, daß ihn niemand erkannt hatte. Er hatte sich Schang genannt. Dieser Name blieb an ihm haften, und alle Welt nannte ihn “Schang”, so natürlich auch meine Schwester.
Mit dem Gänseessen bei Schang fing die Reihe meiner Erlebnisse in Freiburg an. Lore hatte die Gans an Schang weitergegeben, weil seine Mutter zugesagt hatte, sie zu braten. Zu einigen Gläsern Wein wurde die Gans von Lore, Schang und mir restlos vertilgt. Wahrscheinlich aß auch Schangs Mutter von der Gans. Davon merkte man allerdings nichts. Sie war beim Essen nicht dabei, obwohl wir sie eingeladen hatten, und wir waren nach dem Essen so satt, daß wir ohnehin nichts mehr essen konnten. So etwas hatte ich bisher noch nie erlebt, daß eine so große Gans von nur drei Personen restlos aufgegessen wurde. Das war natürlich nur der damaligen Zeit zuzuschreiben. Freiburg gehörte wie das ganze damalige Land Württemberg zur französischen Besatzungszone, und weil die Franzosen in ihrem Land selbst Versorgungsschwierigkeiten hatten, wurden Lebensmittel aus der ganzen französischen Besatzungszone ohne Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung nach Frankreich transportiert. In Folge dessen war der Hunger hier weit verbreitet und damit auch ein großes Problem, denn nicht einmal die Kinder bekamen Milch und Schwerarbeiter keine Zusatzrationen. Die allgemeinen Lebensmittelrationen waren auf das Äußerste beschränkt.

Die Besatzungszonen in Deutschland von 1945 bis 1949
Bildquelle: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Eines Tages fuhren wir abends nach Buckingen, um bei Erich, einem früheren Patienten meiner Schwester in der Klinik, Wein zu holen. Es war ja Faschingszeit, und wir wollten Fasching feiern. Mit der Bahn fuhren wir von Freiburg nach Buckingen und suchten nach Erich, den wir dann auch fanden. Erich war aber keine Einzelperson, sondern in ihm muß man sich eine ganze Winzerei vorstellen deren Chef Erich war. Erich, dessen vollständigen Namen ich nie erfahren habe, nahm unser Anliegen, Wein für ein Faschingsfest holen zu wollen, sehr freundlich auf. Nach der üblichen Begrüßungszeremonie wurden wir in den Keller geführt, einen Keller riesigen Ausmaßes, in welchem gewaltige Fässer lagerten, wie ich noch nie welche gesehen hatte. Dort begann gleich die Verkostung. Erich ließ es sich nicht nehmen, uns jeden einzelnen Wein aus dem Faß vorzustellen, das heißt jeder bekam ein Probiergläschen in die Hand, das er dann unter den Faßhahn hielt, um eine kleinere Menge zum probieren einzufüllen. Zwischendurch wurde frisches Weißbrot gereicht, um den Geschmack wieder zu neutralisieren. Von beidem machte ich reichlichen Gebrauch, so daß ich nach der Weinprobe fast nicht mehr den Aufstieg aus dem Keller schaffte. Unsere Rucksäcke waren nun zwar mit Flaschen gefüllt, und ich wollte schon gehen. Aber meine Schwester hielt mich zurück und deutete an, daß wir noch zum Abendessen bleiben sollten. Natürlich war ich nicht abgeneigt, und wir ließen uns also in der guten Stube das Abendessen, Bechamelkartoffeln, gut schmecken. Unsere Bäuche waren zu gut gefüllt, als wir von dort zum Bahnhof torkelten und der Alkohol in meinem Kopf bewirkte das Unausweichliche … Die Bahnfahrt zurück nach Freiburg war nicht sehr angenehm. Der Zug war voll wie alle Züge in der damaligen Zeit. Wir mußten stehen und uns dabei irgendwie festhalten, um nicht herumgeschleudert zu werden, was in unserem Zustand gar nicht so einfach war, und wir mußten auf die Flaschen in den Rucksäcken aufpassen. Aber wir kamen heil nach Freiburg zurück, konnten unsere Beute im Klinikum, wo auch das Faschingsfest stattfinden sollte, abliefern und schlichen dann nach Hause zu Tante Selma, um dort leise in die Betten zu sinken. Â
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Freiburg im Breisgau mit den Runien der Altstadt rund um den Münster
Bildquelle: Stadtarchiv Freiburg.de
Das Faschingsfest fand dann am darauffolgenden Samstag in der Medizinischen Klinik in Freiburg statt. Doch vorher brauchten wir erst jeder einmal ein Kostüm, das nur aus einfachsten Material selbst hergestellt werden konnte, weil man einfach nichts kaufen konnte und weil einfach das Geld fehlte, um es mit dererlei Sachen zu verschwenden. Mit Tante Selmas Erlaubnis durchforsteten wir Schränke und Truhen, in denen alte und uralte Kleidungsstücke aufbewahrt wurden. Meine Schwester fand ein passendes Kleidungsstück, während ich einen mir passenden dunklen Anzug fand, und dazu sogar noch ein weißes Hemd und eine schwarze Fliege. Dann fanden wir auch noch eine Kiste mit Faschingsartikeln. Darunter war ein kleines Menjoubärtchen, das ich an Ort und Stelle anklebte, und so war die Idee geboren, daß ich als Zuhälter gehen sollte. Da konnte ich dann in die Unterhaltung hin und wieder ein französisches Wort einflechten. Auch meine Schwester und Tante Selma waren von dieser Idee begeistert, und mein Erfolg in dieser Verkleidung gab mir recht.
Das Fest begann am Samstag gegen 18 Uhr in einem Vorlesungsraum der Klinik. Jedem Ankommenden wurde schon in der Garderobe als “Kontrastmittel” – ein Glas Wein – eingeflößt, um die Stimmung zu heben. Dann ging man in den Saal und stand etwa 30 bis 40 Personen in den unglaublichsten Verkleidungen gegenüber. Den Ideen waren keine Grenzen gesetzt. Alle waren sehr fröhlich und tanzten nach den damals bekannten Schlagern und Rhythmen Foxtrott, langsamer Walzer, Tango, Marsch oder Walzer. Alle anwesenden kannten sich, nur ich war allen fremd, und darum war die Neugier groß, wen meine Schwester da mitgebracht hatte. Auch ich hatte natürlich meinen Spaß, nachdem ich fast fünf Jahre derartige Vergnügungen vermissen mußte.
Ein anderes Mal machte ich alleine einen Erkundungsspaziergang durch die Stadt und kam gegen Abend an die Dreisam, die durch Freiburg fließt. Ich hatte Durst und suchte eine Wirtschaft, wo ich ein Glas Wein trinken konnte. Es war noch Faschingszeit, und die Wirtschaften waren dementsprechend gut besucht. Noch nicht an süddeutsche Sitten gewöhnt, suchte ich nach norddeutscher Art Platz an einem leeren Tisch. Das schon erregte die Weintrinker. Ich fand keinen Tisch und fragte um Erlaubnis, mich mit an einen schon besetzten Tisch setzen zu dürfen. Das wurde mir nicht verwehrt, und so konnte ich also mein Glas Wein in dieser Runde trinken. Das war ganz lustig, und man kam ins Gespräch über das Woher und Wohin. Meine französisch geprägte Ausdrucksweise, die ich mir in Frankreich angewöhnt hatte, brachte sie auf die Spur, daß ich aus Frankreich käme. Ich, in meiner Weinseligkeit stufte sie als Schwaben ein. Das war nun aber ein großer Faux Pas, und es wäre beinahe zu einer Schlägerei gekommen, wenn mich nicht in meiner Unwissenheit einige besonnene Weintrinker verteidigt und mir in aller Ruhe den Unterschied zwischen Schwaben und Badenern erklärt hätten. Daraufhin habe ich nie wieder einen Badener einen Schwaben oder umgekehrt einen Schwaben einen Badener genannt.
Auch die Besichtigung des Freiburger Münsters gemeinsam mit meiner Schwester war für mich ein Erlebnis, das ich nicht vergessen kann. Ich konnte nur staunen über die vielen Skulpturen, den reichen gotischen Schmuck der Außenwände und besonders des Turmes, den wir bestiegen hatten, von dessen Plattform aus wir von innen das Filigran bewunderten. Zwar hatte ich vieles davon schon im Jahr 1942 gesehen, als ich mit meinen Eltern hier Urlaub machte, aber damals war ich wohl noch zu jung und nicht aufnahmefähig für diese Kunstwerke. Jetzt jedenfalls war ich begeistert und konnte mich nicht satt sehen an all diesen Herrlichkeiten. Â
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Blick auf das Freiburger Münster
Presse- und Informationsstelle der Erzdiözese Freiburg,
Freiburg Münster.info
Ich überlegte aber auch, was ich nach meiner endgültigen Entlassung anfangen wollte, und sah mein Fortkommen mehr in einer anderen Besatzungszone als der Französischen oder gar der Sowjetischen. Darum wollte ich versuchen, einen Beruf in Karlsruhe zu erlernen, weil ich dort auf eine Unterkunft bei meiner Tante hoffen konnte. Ich hatte mich entschlossen, Gärtner zu werden und hatte meinen ursprünglichen Berufswunsch, Landwirt zu werden, aufgegeben, weil nach alle dem, was man aus Ostdeutschland hörte, Ackerland zu kaufen oder zu pachten für Privatpersonen nicht möglich war. Darum wollte ich in Karlsruhe, wo wir Verwandte hatten, versuchen eine Lehrstelle zu bekommen. Per Telefon war in dieser Zeit gar nichts zu machen, und auch die Post versuchte damals erst noch einen regelmäßigen Briefverkehr, also mußte ich nach Karlsruhe fahren um selbst das Weitere in die Wege zu leiten. Aber wie konnte ich nach Karlruhe kommen? Bei Rastatt gab es eine “Zonengrenze”, und um diese zu passieren, brauchte man ein Visum, und das wiederum war in der kurzen Zeit nicht zu bekommen. Ich mußte also schwarz über die Grenze fahren, wie das auch viele andere machten. Versehen mit vielen guten Ratschlägen und mit trotzdem gemischten Gefühlen, trat ich die Reise eines Tages an und erreichte Karlsruhe ohne große Schwierigkeiten. Bei Tante Hanna, der Schwester meiner Mutter, und Onkel Rudolf wurde ich herzlich aufgenommen und lernte dort auch gleich meinen Vetter Heinrich Fels und meine Kusinen Traudl und Ruth kennen. Heinrich studierte damals Jura, Traudl war mit ihrer Ausbildung zur Kostümbildnerin schon fertig, während Ruth noch in die Schule ging. Alle waren mir sehr behilflich bei der Suche nach einer Lehrstelle, und als ich wieder nach Freiburg zurückfuhr, hatte ich die Gewißheit, daß ich nach meiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft in Karlsruhe in der Stadtgärtnerei als Lehrling eingestellt werden würde.

Stadtgärtnerei Karlsruhe
Bildquelle Karlsruhe.de
Zurück in Freiburg machte ich mit meiner Schwester Lore – soweit es ihre Arbeitszeit zuließ – noch viele schöne Ausflüge in den Schwarzwald. Die Zeit verging sehr schnell und bald, nach einem herzlichen Abschied, mußte ich wieder den Weg zurück nach Ligny les Aire antreten. Es hatte sich auch gezeigt, daß es vorerst besser war, nicht in Deutschland zu bleiben, denn hier gab es keine Lehrstellen und nur mit großen Schwierigkeiten konnte man sich von den auf Kartenabschnitten zugeteilten Lebensmitteln ernähren. Auch hätte ich eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen müssen, und dazu hätte ich eine Arbeitsstelle und eine Wohngenehmigung meiner Heimatgemeinde Potsdam nachweisen müssen – alles Dinge, die ohne die Fürsprache höherstehender Personen nicht erreichbar waren. Aber ich hatte während meines Aufenthaltes in Karlsruhe wenigstens alles so weit in die Wege geleitet, daß ich nach der künftigen Entlassung, also wahrscheinlich im September oder Oktober 1948, eine Lehrstelle im Stadtgarten in Karlsruhe einschließlich der notwendigen Wohngenehmigung und Arbeitserlaubnis bekommen würde. Gleichzeitig hatten Tante Hanna und Onkel Rudolf sich bereit erklärt, mich für die Zeit der Lehre bei sich aufzunehmen. Mit all diesen guten Nachrichten und Zusicherungen im Gepäck fuhr ich zurück nach Freiburg und von dort weiter nach Frankreich.

Hier, auf der Ferme hatten sie mich schon sehr vermißt und glaubten im Grunde gar nicht mehr daran, daß ich wieder zurück kommen würde. Um so erfreuter waren alle, als ich den Hof betrat. Nur Berte zeigte mir weiterhin die kalte Schulter, was aber eigentlich schon immer so war. Besonders Achille war begeistert, weil er nun wieder einen Arbeitskameraden hatte. Auch die Madame war hoch erfreut, als sie mich wiedersah, und zählte mich seitdem zu ihren Familienmitgliedern. Gleich ging es wieder an die Arbeit. Die Tage waren zu kurz, um alles zu schaffen, was während meiner Reise liegen geblieben war. Am Abend wurde dann erzählt. Da mußte ich dann von meinen Erlebnissen berichten, von der Bahnfahrt nach Paris und von dort nach Offenburg, wie ich von den Grenzbeamten behandelt worden sei und vieles mehr. So berichtete ich auch davon, wie gut der Gänsebraten geschmeckt hatte und daß zur Zeit die deutschen Kinder in der französischen Zone keine Milch bekämen, was alle sehr erschütterte, und daß dort die Verpflegung ganz miserabel sei und darum die Butter bei meiner Tante großes Entzücken hervorgerufen hatte. In den nächsten Tagen und Wochen ging es wieder an die gewohnte Arbeit. Es waren ja nur noch 6 bis 7 Monate, und die sollten doch auch noch vorübergehen.
Nach diesen beinahe drei Jahren, die ich als Kriegsgefangener auf der Ferme “La Tirmande” verbracht hatte, kannte mich hier fast jeder, und jeder grüßte mich oder erwiderte meinen Gruß, und ich hätte mich hier vielleicht auch wie zu Hause fühlen können. Ich aber wollte wieder nach Deutschland zurück. Das jedoch wurde schwierig, als sich mir Marie-Rose bei der Arbeit auf einem Strohschober in zärtlicher Absicht näherte. Zum Glück für mich kam Madame unverhofft dazwischen und rief zum Mittagessen und rettete mich davor, ein Franzose zu werden. Madame hatte wohl auch andere Pläne für ihre Enkelin. Ihr Verstand sagte ihr wahrscheinlich auch, daß ich als gegenwärtiger Kriegsgefangener später als Großbauer hier in Frankreich kein Ansehen erringen könnte. Was mir aber im besiegten Deutschland bevorstehen würde, das konnte zu jener Zeit auch keiner ahnen. Also kam Madames laut gellender Ruf zum Essen: “La soupe!” im richtigen Augenblick. Trotzdem blieb Marie-Rose dort meine einzige Freundin, und als sie dann einen anderen Jungen, einen Hoferben aus Ligny les Aire, kennen gelernt hatte, war ich einer der Ersten, der das von ihr erfuhr. Ich aber hatte nur noch meine Entlassung im Sinn. Man kann sich denken, daß ich schon die Tage zählte.
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So schnell aber verging die Zeit nicht. Es war ja erst März, und 6 Monate lagen noch vor mir. Nun läuft das Jahr in der Landwirtschaft immer nach gleichem Schema ab, unterbrochen nur durch unvorhersehbare Regenperioden oder durch sonstige Ereignisse, die nicht aus der Wetterkarte zu ersehen sind. Trotzdem ist es nie langweilig, weil es doch immer irgendwelche Überraschungen gibt, sei es, daß eine dringend notwendige Maschine plötzlich streikt, oder ein Tier krank wird. Wenn Tierarzt oder Mechaniker erst aus der Stadt anreisen müssen, dann kann eine kleine Reparatur oder Tierkrankheit zu einer kostspieligen Sache werden. Darum war jeder Landwirt meistens sein eigener Mechaniker und oft auch sein eigener Tierarzt. Das Wissen dazu wurde von den Alten auf die Jungen vererbt. Nicht so bei den Maschinen, die gab es zu deren Lebzeiten noch nicht. Zur Verfügung hatten wir eine Mähmaschine für Gras, Klee oder Lupinen, einen sogenannten Binder, mit welchem das Getreide gemäht und gebunden wurde, und natürlich die üblichen Geräte, die zur Bestellung der Äcker, zur Rübenernte und zur Kartoffelernte notwendig waren. Das Getreide wurde auf dem Hof mit einer Dreschmaschine gedroschen, die von einem starken Elektromotor angetrieben wurde, wobei der Hof jedesmal in eine große Staubwolke gehüllt war. Es gab aus den schon beschriebenen Gründen für die Feldarbeit keinen Traktor. Zum Hof gehörten große Feld- und Wiesenflächen. Damit gab es viel Arbeit, und die Pferde waren täglich im Einsatz. Eine Erholung waren darum die Sonntage, an denen nicht gearbeitet wurde. Da pflegte man sich selber und freute sich auf den Abend, wenn in der Dorfkneipe zum Tanz aufgespielt wurde. Inzwischen war ich auch nicht mehr so zurückhaltend und ging mit der Familie zum Tanz. Oder ich ging anderen Vergnügungen nach.
Eines aber fiel mir auf. Zwar kannten mich die meisten dort Anwesenden, weil wir uns schon einmal irgendwo auf dem Feld oder im Dorf gesehen hatten, aber niemand drohte mir oder beschimpfte mich. Mit vielen, mir eigentlich unbekannten Menschen, kam ich bei Dorffesten oder Tanzabenden ins Gespräch. Aber niemand sagte mir ein böses Wort. Das zeigte mir, daß ein Zusammenleben von Menschen, die, von Hasstiraden gegeneinander aufgepeitscht und zum Krieg gegeneinander gezwungen worden waren, nun hier in dörflicher Gemeinschaft durchaus möglich war. Es kam sogar öfter vor, daß ich in irgendeiner Dorfkneipe zu einem Glas Rotwein eingeladen wurde, wobei ich dann natürlich mit meinem inzwischen gut angewachsenen Sprachschatz zu glänzen versuchte. Aus diesen Erfahrungen heraus glaube ich, daß alle Menschen mehr zu friedlichem Verhalten neigen, sich aber all zu leicht manipulieren lassen.
So verging die Zeit, und während ich mich freute, daß der Tag meiner endgültigen Abreise immer näher rückte, merkte ich, wie bei Madame und bei Achille eine Verstörtheit aufkam, die mit der Zeit immer intensiver wurde. Auch die Witze die Guste immer zum Besten gab, wurden immer schaler. Ganz klar, man bereitete sich auf meinen Abschied vor. Allerdings hatte Madame immer ihr freundliches Lächeln im Gesicht. Bei Achille war zu merken, daß er sich plötzlich sehr um eine Frau bemühte, die er offensichtlich zu heiraten beabsichtigte, um einen eigenen Hausstand zu gründen, im Grunde aber auch um von der “Tirmande” fort zu kommen. Denn er verstand sich zwar sehr gut mit Madame, aber ganz und gar nicht mit seiner Schwester. Die Zukunft von “La Tirmande” sah nicht sehr gut aus. Marie-Rose hatte einen Freund gefunden und würde in absehbarer Zeit “La Tirmande” verlassen. Hier würde nur noch Madame mit Berte residieren, und Marie-Leontaine wäre zum Schluß die Erbin der ganzen Ferme. Das konnte für Achille kein verlockender Ausblick sein.
Im September des Jahres 1948 war endlich der Tag meiner Abreise von “La Tirmande” gekommen. Zuvor hatte ich aber von einem Schulfreund meines Vaters die Adresse einer in Paris lebenden Potsdamerin erhalten, an die ich mich unbedingt wenden sollte, wenn ich auf der Heimreise wieder dort Station machen sollte. Ich schrieb also nach Paris Ankunftsdatum und -zeit, in der Hoffnung, daß mich dort jemand vom Bahnhof abholen würde. Tatsächlich erblickte ich bei meiner Ankunft in Paris, im Menschengewühl auf dem Bahnsteig eine Person, die offensichtlich jemanden erwartete. An meinem unsicheren Blick erkannte diese ebenfalls sofort in mir den Fremden, der jemanden suchte, den er nicht kannte. Im Potsdamer Dialekt wurde ich plötzlich angesprochen, und so war mir klar, daß ich abgeholt wurde. Diese Person war tatsächlich eine Potsdamerin, die sich nach dem Krieg mit einem in Potsdam arbeitenden kriegsgefangenen Franzosen zusammengetan hatte und nun mit ihm zusammen in Paris lebte und sich daher in Paris auskannte.

Blick von der Kathedrale “Notre-Dame” auf Paris und die Seine
Bildquelle: Notre-Dame des Paris.fr
Natürlich war ich heilfroh nun jemanden zu haben, der mir in der großen Stadt helfen würde, mich zurechtzufinden. Damals konnte noch niemand ahnen, daß es eines Tages wieder möglich sein würde, unbehindert durch die ganze Welt zu reisen. Nun hatte sich mir die Möglichkeit erschlossen, wenigstens einiges von Paris zu sehen, und das wollte ich ausnutzen. Zunächst gingen wir also zu ihrer Wohnung, um mein Gepäck abzustellen, und die Übernachtungsfrage zu regeln. Dann besprachen wir den Besichtigungsplan: Louvre, Stadtbesichtigung und Flohmarkt, wo ich mir einen Anzug kaufen wollte. Einiges mußte ich auf eigene Faust erkunden, weil ihr die Zeit dazu fehlte. So war ich im Louvre und sah die “Mona Lisa” und noch viele andere Bilder, ich schlenderte zum Eiffelturm, und ich sah natürlich die Seine mit den vielen Brücken und “Notre Dame”. Ich lernte das Leben in Paris kennen, und ich sah die berühmte “Concierge” am Kaffeetisch neben ihrer schwarzen Katze sitzen, von der man annehmen konnte, sie sei ein Kaffeewärmer. Am letzten Tag gingen wir auf den damals berühmten Flohmarkt, französisch: “Le Marché du puces”, um einzukaufen.
Der “Marché du puces” war ein riesiges Warenhaus im Freien. Die einzelnen Verkäufer hatten ihre Zelte oder Buden aufgeschlagen und priesen lauthals ihre Waren an. Unglaublich, was man dort alles, antik oder auch neu, erstehen konnte: Möbel, Ölbilder, Kristallüster, Schuhe, Werkzeug, Wein, Käse, Kleider und Anzüge und vieles, vieles mehr. Ich selbst hatte es auf einen guten Anzug abgesehen, denn ich hatte aus Karlsruhe gehört, daß mein Vetter Heini zu heiraten beabsichtigte. In Deutschland konnte man zu dieser Zeit keinen Anzug kaufen. Nachdem ich mir den Markt gründlich angesehen hatte, – noch heute habe ich eine besondere Vorliebe für Märkte – fanden wir auch einen Anbieter, der einen genau für mich geschneiderten Anzug anbot. Nachdem der Preis ausgehandelt und bezahlt war, war der Kauf perfekt, und wir gingen zufrieden nach Hause. Am Abend noch ging mein Zug, diesmal über Offenburg nach Tuttlingen in ein Entlassungslager. Da aber der Zug über Freiburg fuhr, konnte ich meine Schwester schnell begrüßen und ihr meine Privatsachen übergeben, die ich im Lager nicht gebrauchen würde. Dann ging es weiter nach Tuttlingen und das lästige Leben im Lager begann noch einmal, aber zum Glück nur für kurze Zeit!
In diesem Entlassungslager war Bürokratie an der Tagesordnung. Alle Papiere wurden genauestens untersucht. Das dauerte, bei der Menge der zur Entlassung angereisten ehemaligen Kriegsgefangenen sehr lange, und vor allem gab es dabei große Sprachschwierigkeiten, weil die französischen Soldaten nur wenig Deutsch verstanden, und die kontrollierten Deutschen wollten meist aus reiner Bequemlichkeit die französische Sprache nicht verstehen. Darum gab es mitunter ein großes Durcheinander, denn sehr viele Fragen mußten genauestens beantwortet werden. Dann gab es auch hier, wie auch früher schon in anderen Lagern, nochmals eine Untersuchung auf SS-Zugehörigkeit, d.h. man wurde mit erhobenen Armen an einem französischen Kontrollbeamten vorbeigeschleust, der untersuchte, ob etwa unter den Armen die SS-Tätowierungen vorhanden waren. Das alles dauerte einige Tage, bis ich dann endlich als freier Mann mit meinen Entlassungspapieren, einem Entlassungsgeld von 50,00 Reichsmark und einem Freifahrschein für die Bahnfahrt nach Karlsruhe, meinem künftigen Wohnort vor dem Lagereingang stand und mein neues Leben beginnen konnte. Â
Ende des vierten und letzten Teils
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Eine Kriegs-Gefangenschaft –
von Sanssouci über Norwegen nach Pas-de-Calais und zurück
(Dritter Teil) (Zweiter Teil) (Erster Teil)

NachwortÂ
Der Verfasser dieses Berichtes ging nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft nach Karlsruhe, wo er bei Verwandten wohnen konnte. In der dortigen Stadtgärtnerei absolvierte er eine Gärtnerlehre. Nach weiteren zwei Jahren als Gärtnergehilfe in verschiedenen Gärtnereien und Baumschulen besuchte er die Lehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau in Berlin-Dahlem mit dem Abschluß als Gartenbauingenieur. Nach weiteren Prüfungen wurde er zum Diplomingenieur für Garten- und Landschaftsbau ernannt.
Nach einigen Jahren Tätigkeit bei verschiedenen Gartenbauämtern übernahm er bei der Geschäftsstelle des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Rom die gärtnerische Betreuung der Soldatenfriedhöfe in Italien, Griechenland und Tunesien und wurde später Leiter dieser Geschäftsstelle mit der zusätzlichen Aufgabe Verbindung zu den Dienststellen des “Commissariato Generale per i Caduti in Guerra”, zur Deutschen Botschaft Rom als Vertretung Bundesrepublik Deutschland und zu anderen relevanten Dienststellen in Italien zu halten.
Hans Niemeyer ist nach der Wiedervereinigung zurück in seine Heimatstadt Potsdam (Bilder oben und unten) gegangen, er lebt dort mit seiner Ehefrau nahe dem Neuen Garten. Hans Niemeyer wurde am 23. März 2010 85 Jahre. Diese erlebte Geschichte bei Soldatenglück.de soll als ein Beispiel für viele Millionen durch den Krieg beeinflusste Lebenswege und Biografien stehen. Hans Niemeyer hatte, gleichwohl das Kriegsgeschehen sein Leben nachhaltig beeinflusst hat, Glück, auch Soldatenglück, dass er den Zweiten Weltkrieg einigermaßen unbeschadet hinter sich gebracht hat, viele andere hatten dieses Glück nicht.
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(Text, Bilder, Grafiken: Copyright Soldatenglück.de, Hans Niemeyer;
Grafikquelle:
Besatzungszonen in Deutschland, 1945-1949, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, HdG.de;
Frankreichs Flagge und Karte: CIA.gov;
Bilderquellen:
Pariser Ostbahnhof, Gare de l`Èst, via frz. Wiki-User “Tangopaso”;
Blick von der Kathedrale “Norte-Dame” auf Paris und die Seine, Notre Dame de Paris.fr;
Freiburger Münster von Ruinen umgeben, Stadtarchiv Freiburg.de;
Presse- und Informationsstelle der Erzdiözese Freiburg, Freiburg Münster.info;
Stadtgärtnerei Karlsruhe, Stadt Karlsruhe Natur und Stadtgrün.de,
Potsdam - Schloss Sanssouci, Fußgängerzone mit Brandenburger Tor und im Hintergrund der neu gestaltete Luisenplatz, Blick auf den Neuen Garten und die Havel von Schloß Cecilienhof aus gesehen, Militärgeschichtliches Forschungsamt der Bundeswehr, MGFA.de)Â