Worte an und für die Soldatinnen und Soldaten zum Volkstrauertag
von Dirk ~ 15. November 2009. Zu lesen unter: Bundeswehr, Gedenken.Auszug aus der Rede von Bundespräsident (Wappen oben) Horst Köhler bei der Gedenkveranstaltung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. aus Anlass des Volkstrauertages im Deutschen Bundestag:
“[...] Wir Deutsche haben uns dieser Verantwortung in den vergangenen Jahrzehnten gestellt. Wir leisten Entwicklungszusammenarbeit gegen Armut und Not, wir helfen bei Naturkatastrophen, und wir haben Polizeibeamte und Soldaten entsandt, wo die internationale Gemeinschaft das Mandat dazu gibt und wo der friedliche Aufbau und die Freiheit erst noch mit Waffen geschützt und durchgesetzt werden müssen.
Wir denken darum heute auch besonders an unsere Frauen und Männer in Afghanistan. Sie stehen in einem schwierigen und gefährlichen Einsatz. Sie brauchen Rückhalt hier bei uns in der Heimat. Und sie brauchen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich mit Anteilnahme und Vernunft für die Ziele und Bedingungen des Auslandseinsatzes der Bundeswehr interessieren.
Darum ist es wichtig, dass sich möglichst viele, nein möglichst alle, Klarheit darüber verschaffen, was die Ziele des Einsatzes sind, was auf dem Spiel steht und mit welchem Beitrag wir den anderen Nationen und den Menschen in Not zur Seite stehen wollen [...].”
zur vollständigen Rede “Den Frieden gewinnen” von Bundespräsident Horst Köhler
Auszüge aus der Rede des Bundesministers der Verteidigung, Dr. Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg, anlässlich der Kranzniederlegung am Ehrenmal der Bundeswehr in Berlin zum Volkstrauertag am 15. November 2009 in Berlin:
“[...] Unsere Toten sind nicht anonym. Sie sind Söhne, Töchter, Ehepartner, Lebensgefährten, Väter und Freunde.
Hinter jedem Namen verbirgt sich ein persönliches Schicksal, ein Leben, eine Familie. Wir nennen ihre Namen und bekunden auf diese Weise, dass wir niemand vergessen werden [...]
Besonders gedenken wir heute derjenigen Toten unserer Bundeswehr, die in den vergangenen zwölf Monaten Ihr Leben „für Frieden, Recht und Freiheit“ gelassen haben. Wir gedenken allgemein derer, die ich bereits genannt habe, rufe aber all jene auf, die in den vergangenen zwölf Monaten ihr Leben gelassen haben.
Leutnant Alexander Janelt,
Sanitätsregiment 32, Weißenfels, am 11. Februar 2009 an den Folgen seines Einsatzes in Mazar-e Sharif, Afghanistan, verstorben;
Hauptgefreiter Conrad Hötzel,
4. Kompanie, Panzergrenadierbataillon 371, Bad Marienberg, am 14. März 2009 ums Leben gekommen bei einem Unfall in Feyzabad, Afghanistan;
Hauptgefreiter Sergej Motz,
2. Kompanie, Jägerbataillon 292, Donaueschingen, am 29. April 2009 gefallen bei Kunduz, Afghanistan;
Flieger Daniel Stiehle,
6. Kompanie, Logistikbataillon 471, Dornstadt, am 18. Mai 2009 verstorben bei Bollingen;
Hauptgefreiter Alexander Schleiernick,
1. Kompanie, Fallschirmjägerbataillon 263, Zweibrücken, am 23. Juni 2009 gefallen bei Kunduz, Afghanistan;
Hauptgefreiter Oleg Meiling,
3. Kompanie, Panzergrenadierbataillon 391, Bad Salzungen, am 23. Juni 2009 gefallen bei Kunduz, Afghanistan;
Obergefreiter Martin Brunn,
2. Kompanie, Panzergrenadierbataillon 391, Bad Salzungen, am 23. Juni 2009 gefallen bei Kunduz, Afghanistan;
Hauptgefreiter Eugen Michaelis,
2. Kompanie, Führungsunterstützungsbataillon 293, Murnau, am 23. September 2009 ums Leben gekommen bei einem Unfall in Spatzenhausen;
und Stabsgefreiter Patric Sauer,
4. Kompanie, Fallschirmjägerbataillon 263, Zweibrücken, am 4. Oktober 2009 seinen schweren Verwundungen erlegen, die er bei einem Anschlag am 6. August 2008 bei Kunduz erlitten hatte.
Sie alle haben ihren Dienst für die Bundesrepublik Deutschland mit ihrem Leben bezahlt. Ich verneige mich in Dankbarkeit und Anerkennung vor ihnen und allen, die wir heute in Gedanken und im Gebet ehren. Wir werden sie nicht vergessen.
Wir werden sie nicht vergessen”.
zur vollständigen Rede von Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg
(Textauszüge, Bilderquelle, Grafik: Bundespräsident.de, BMVg.de)
























16. November 2009 um 10:41 Uhr
Nun sprechen auch die Bundeskanzlerin und insbesondere der neue Verteidigungsminister neuerdings mutig das „K“-Wort aus – wie verlogen ist doch Politik: Bis zum letzten Augenblick vor den Wahlen ließ man von oben zu, dass Herr Jung dies vehement leugnete oder hat man ihm das gar aufgetragen, da man schließlich Wahlen gewinnen wollte? Bis es an der Basis der Politik und in der Gesellschaft angekommen sein dürfte, wird es wahrscheinlich länger dauern:
In einer von mir besuchten Gedenkveranstaltung zum diesjährigen Volkstrauertag merkte man dem Redner der Kommunalpolitik deutlich an, wie er sich drehte und wandte, um „irgendetwas“ zu sagen, er bemühte schließlich verzweifelt „evtl. zukünftige Kriege aufgrund Klima- und Umweltkatastrophen“, um daran zu erinnern, dass auch „Deutschland vielleicht eines Tages in Kriege verwickelt sein könnte“…
Kein Wort, dass dies längst Alltag in vielen deutschen Kasernen und Soldatenfamilien ist, kein Wort, dass auch in der Gegenwart viele deutsche Soldaten aus „Krisengebieten“, „kriegsähnlichen Situationen“ und „Kampfeinsätzen“ nicht mehr oder schwer verletzt in die Heimat zurückgekehrt sind – wie beschämend!!!
Vorbeiziehende Jugendliche meinten gar: „Langsam wird das aber ein wenig viel mit den Trauerfeiern für Robert Enke – jetzt zünden die schon in unserer Stadt Kerzen an…“
Trauerfeier für Robert Enke – alleine gestern kamen ca. 35 000 Menschen zur Trauerfeier in die AWD-Arena, alle fußballerischen „Größen“, Politiker und selbst der Ministerpräsiden von Niedersachsen waren da. Wer kommt zu einer Trauerfeier für drei gefallene Soldaten???
So sehr ich auch mit Herrn Enke, vor allem seiner Familie, mitfühle – aber hier läuft meiner Meinung nach in unserer Gesellschaft – unterstützt wieder einmal von der „Mediengewalt“ – etwas aus dem Ruder! Hier war ein kranker Mensch, dem man nicht helfen konnte, der sich aber auch nicht helfen ließ! Es gibt auch Alternativen – siehe Sebastian Deissler!
Ich ziehe Parallelen vom Schicksal bzw. Leben des Robert Enke zu unseren Soldaten, von denen viele – ebenfalls von den allermeisten unbemerkt – mehr oder weniger schwer seelisch verletzt von Einsätzen nach Hause kommen und nach außen hin „funktionieren.“ Die sich nicht trauen, mit ihren Familien, Freunden, Vereinskameraden und selbst den eigenen Berufskameraden oder Vorgesetzten darüber zu sprechen, auch sie „spielen“ nach Außen hin eine „Rolle“: Die Rolle des mutigen und tapferen Soldaten, der keine Gefühle zu haben scheint, der „unverwundbar“ ist. Aber in der Uniform steckt ein Mensch, kein „Roboter“, wie Niedersachsen Christian Wulff in seiner Rede es beschreibt: „Wir brauchen doch keine fehlerhaften Roboter, wir brauchen Menschen mit Ecken und Kanten und mit allen ihren Schwächen und ihren wunderbaren Eigenschaften…“
Liebe Soldaten, liebe Soldatenfamilien – bitte „sprechen“ Sie, es erfordert Mut und Zivilcourage – vielleicht für viele mehr, als in den Einsatz zu gehen – aber tun Sie es, wenn nicht für sich selbst, dann für Ihre Kameraden, die vielleicht weniger gut mit den Belastungen der Einsätze umgehen können, die vielleicht nicht in „heile Familien“ oder sonstigen sozialen Netze eingebunden sind.
Wenn Menschen, wie Robert Enke, „nur“ mit dem Druck eines Spitzensportlers nicht fertig werden, warum sollten nicht auch Sie, belastet mit Angst um das eigene und das Leben der Kameraden, Sorge und das oftmals schlechte Gewissen gegenüber der Familie, Fürsorge von sog. Schutzbefohlenen, Konfrontation mit Armut und Tod etc. nicht auch Gefühle und Schwächen zeigen?
„Was Frauen wirklich wollen?“ – Ich glaube, ich spreche nicht nur für mich, mir ist ein sich seiner Tränen nicht schämender Oliver Bierhoff in einer Pressekonferenz für Millionen von Fernsehzuschauern tausendmal lieber, als irgendwo ein „Rambo“, der nur so tut, als haue ihn auch der stärkste Orkan nicht um!
In Köln wurde vor Jahren eine „Kölner Künstlerinitiative gegen rechts“ gegen Rassismus gegründet und die bekannte Gruppe „BAP“ mit Wolfgang Niedecken schrieb dafür den Song: „Arsch huh, Zäng ussenander“ – hochdeutsch: „Arsch hoch, Zähne auseinander“ – angelehnt an diesen Wunsch zu „Sprechen“ und „Einzutreten“ wünsche ich mir mehr Menschen, die sich für unsere Soldaten und ihre Familien einsetzen, aber auch Soldaten, die „Sprechen“, tun Sie es für sich selbst, Ihre Kameraden und auch Ihre Familien.
Wenn wir auch vielleicht nicht immer helfen können, wenn vielleicht auch unsere Liebe letztlich nicht alles schaffen kann, wie die Witwe Robert Enkes sagte und erkennen musste, aber wir haben das Recht, zu wissen, welche Bürde Sie mit sich herumtragen.
Der Pfarrer bei der Trauerfeier in Hannover sagte: „Misserfolg, Krankheit, Niederlagen, aber auch Schicksalsschläge gehören dazu. Das sind keine Schwächen, die man wegtrainieren kann, auch wenn unsere Gesellschaft das oft von uns verlangt…“ Keine noch so intensiven Einsatzvor- und Nachbereitungen können dies auch im Falle unserer Soldaten – „Funktionieren“ Sie im Einsatz, um Ihr eigenes und das Leben Ihrer Kameraden zu schützen, aber bleiben oder werden Sie „Mensch“, wenn es um Ihr Leben in Familie und Gesellschaft geht – „Zäng ussenander!“ Nicht nur meine Unterstützung haben Sie, liebe Soldatinnen und Soldaten, aber es gibt noch viel zu tun! Diesen “kameradschaftlichen Auftrag” gebe ich u. a. auch an die vielen “Goldlitzenträger” – a. D. und i. D. – weiter.
16. November 2009 um 10:58 Uhr
PS: Was ich gegen diese “beschämende und desinteressierte Rede” des hiesigen Kommunalpolitikers zum Volkstrauertag unternommen habe? Einen “Wahrheiten aussprechenden” Leserbrief zur Veröffentlichung in der hiesigen Zeitung geschrieben…jeder kann “seine Zähne auseinandernehmen!”