Mangel ATN: Truppenpsychologen und – Fachärzte für Psychiatrie fehlen der Bundeswehr – im Einsatz und daheim
von Dirk ~ 24. September 2009. Zu lesen unter: Bundeswehr, Zentraler Sanitätsdienst.“Immer mehr Bundeswehr-Soldaten leiden nach Kampfeinsätzen in Afghanistan unter psychischen Problemen. Löste der Stress durch Kämpfe, Anschläge und den Tod von Kameraden 2008 bei 245 Soldaten seelische Verletzungen aus, so registrierte die Truppe allein im ersten Halbjahr 2009 schon 152 Fälle von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Dies teilte das Verteidigungsministerium am Donnerstag mit. Die Bundespsychotherapeutenkammer forderte den Bund auf, den Soldaten besser zu helfen. Das Ministerium räumte ein, dass in Afghanistan bei einem Einsatz von maximal 4.500 Soldaten nur ein Psychiater und zwei Truppenpsychologen zur Verfügung stehen. Insgesamt seien von 38 Dienstposten für Fachärzte für Psychiatrie nur 22 besetzt. Kritik von Experten wies ein Sprecher aber als einseitig zurück.
Zwtl: «Höhere Aufkommenswahrscheinlichkeit»
Er betonte, dass zum Psychosozialen Netz (PSN) im Einsatz auch Truppenärzte, Militärseelsorger, sogenannte Peers (psychologische Ersthelfer in der Truppe) sowie Vorgesetzte und Kameraden gehörten. Die Zunahme bei den Fallzahlen erklärte das Ministerium mit der Erhöhung der Mandatsobergrenze von 3.500 auf 4.500 Soldaten sowie mit dem zunehmend harten Einsatz: «Je länger und robuster die Auslandseinsätze verlaufen, desto höher ist auch die Aufkommenswahrscheinlichkeit für Fälle von Posttraumatischer Belastungsstörung», hieß es. Gleichzeitig wachse die Bereitschaft, Probleme zuzugeben. Die Kampfhandlungen haben im Einsatzgebiet der Deutschen in Nordafghanistan in den vergangenen Monaten erheblich zugenommen.
Die «Süddeutsche Zeitung» berichtete von einem Lagebericht des Psychiaters Mario Horst Lanczik, Oberstarzt der Reserve, der im Sommer in Masar-i-Sharif Bundeswehr-Soldaten mit PTBS untersucht habe. In seinem Mitte September fertiggestellten Bericht beschreibe Lanczik eine Reihe von Defiziten bei der Betreuung von PTBS-Kranken. Genannt werde unter anderem die Vielzahl unbesetzter Stellen und die Anwesenheit von nur einem Psychiater in Afghanistan. «Wissenschaftliche Untersuchungen zur Prävention, Behandlung und Verlauf von psychischen Erkrankungen nach Kampfhandlungen bei deutschen Soldaten liegen nicht in ausreichendem Maße vor», zitierte das Blatt.
Zwtl: Soldaten fühlen sich nicht vorbereitet
Nach Erkenntnissen amerikanischer und israelischer Militärpsychiater weisen bis zu 30 Prozent der Soldaten, die an Kampfhandlungen beteiligt waren, psychische Erkrankungen und Störungen auf. «Bei deutschen Soldaten ist mit vergleichbaren Raten zu rechnen», schrieb Lanczik. Alle von ihm untersuchten Soldaten hätten berichtet, dass sie auf die seelischen Folgebelastungen durch Tod und Verwundung von Kameraden bei Kampfeinsätzen nicht ausreichend vorbereitet würden.
Die Therapeutenkammer kritisierte, die Bundeswehr nehme die psychischen Verletzungen nicht ernst genug. Nötig seien Kriseninterventionsteams, forderte Kammerpräsident Rainer Richter. Gewalt und Tod verursachten seelische Schockzustände, die lange nachwirkten. «Schwere psychische Traumata, die nicht behandelt werden, können Soldaten die Rückkehr in ein normales Leben unmöglich machen», erklärte Richter.
Laut Verteidigungsministerium hat das Thema hohe Priorität. FDP-Politikerin Elke Hoff sagte jedoch der «Süddeutschen»: «Die Bundesregierung hat bisher versäumt, die psychische Betreuung und Behandlung der Soldaten zu verbessern.» Die offenen Dienstposten in der Psychiatrie müssten schnellstmöglich besetzt werden. Das Ministerium sagte dies zu.”
Meldet die Presseagentur AP soeben.
(Bildquelle: NATO.ISAF.int; BADAKHSHAN, Afghanistan – A German soldier looks on to the distance of mountain ranges, during a visit to Yafta-e-Sofla village, during a Civil Military Cooperation mission. Official Photo by Petty Officer 1st Class Ryan Tabios)
Hintergrundinformationen: Angriff-auf-die-Seele.de























26. September 2009 um 20:07 Uhr
Sind auf der einen Seite die freien Dienstposten in der Psychiatrie nicht besetzt, so werden, wie im BwZK Koblenz ganze Abteilungen, wie z. B. die für Verbrennungsopfer, geschlossen, da der Bundeswehr die Ärzte aus den verschiedensten Gründen ausgehen.
Der Versuch in Bezug auf die psychischen Probleme, dies durch externe Psychotherapeuten zu kompensieren gelingt nicht.
Pünktlich zum Anti-Kriegstag am 01.09. wandten sich über 200 Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten mit einen “offenen Brief” mit dem Thema “Wir lassen uns nicht für den Krieg instrumentalisieren” an Verteidigungsminister Jung. “Wir Ärzte und Psychotherapeuten lehnen die Beteiligung der Bundeswehr am Krieg in Afghanistan ab”, heißt es in diesem Schreiben. Der Krieg selbst sei bereits Ursache schwerer Traumatisierung in der afghanischen Bevölkerung und nun auf zunehmend bei deutschen Soldaten im Kriegseinsatz.
Die Forderung, Therapie ohne kritische Hinterfragung des politisch-militärischen Kontextes zu betreiben, sei darüber hinaus mit ihrem Verständnis von ärztlicher und psychotherapeutischer Arbeit nicht vereinbar. “Den Aufruf des Verteidigungsministeriums, uns an der Behandlung von traumatisierten Soldaten zu beteiligen und uns damit für die Kriegsführung der Bundesregierung instrumentalisieren zu lassen, weisen wir daher zurück”, betonen die UnterzeichnerInnen.
Hintergrund der Initiative der Ärzteorganisation IPPNW ist ein Aufruf im letzten Bundesmitgliederbrief der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung, in dem die Bundeswehr qualifizierte externe Psychotherapeuten zur Behandlung traumatisierter Soldaten sucht.
Liebe Ärzte, haben Sie nicht einmal jenen berühmten Eid abgelegt, jedem zu helfen, der Ihre Hilfe benötigt?
Ihre Kollegen in der Bundeswehr sind im Einsatz eben wegen jenem Eid verpflichtet, auch einem Taliban zu helfen, der auf die eigenen Kameraden geschossen hat…
So ein Verhalten, wie oben beschrieben, schadet m. E. dem Ehrenkodex, auf den sich die Ärzte so gerne berufen! Sie sollten nicht unsere Soldaten “im Regen” stehen lassen, die nichts dafür können, dass sie in diesen Einsatz befohlen worden sind! Wenden Sie sich an die Damen und Herren der Politik, die dafür verantwortlich sind und ansonsten sollten Sie das tun, wofür Sie Ihren Eid geleistet haben: Helfen Sie Menschen, die Ihrer Hilfe bedürfen – unabhängig von Staatsangehörigkeit, Religion und warum er in diese Hilfslage gekommen ist!!!
27. September 2009 um 08:50 Uhr
Als Ergänzung zu dem vorherigen Artikel von HED:
Alle Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten die im öffentlichen Dienst, in Krankenhäusern, in öffentlichen Versorgungszentren angestellt sind, habe eine gewisse Treuepflicht dem Dienstherrn, also dem Staat gegenüber.
Dies ist auch der Grund, warum die kürzlich in die Kritik gerateten Überweisungsprämien von Patienten zum stationären Krankenhausaufenthalt, für die niedergelassenen Ärzte rechtlich nicht zu beanstanden sind, für angestellte Krankenhausärzte aber ein Dienstvergehen darstellen.
Also alle Ärzte, Psychotherapeuten und Psychologien, die sich diesem Aufruf angeschlossen haben, sollten sich überlegen in wieweit sie vom öffentlichen, staatlichen Gesundheitssystem abhängig sind, bevor sie solche Parolen rausposaunen !
27. September 2009 um 13:09 Uhr
Alle Ärzte, Psychotherapeuten und Psychologen haben zunächst einmal eine Treuepflicht gegenüber ihren Patienten, ob Soldat oder nicht. Der IPPNW-Aufruf ist nicht tolerierbar, verstößt er doch sowohl gegen den hippokratischen Eid als auch gegen die Genfer Deklaration des Weltärztebundes, in dem die Bundesärztekammer Mitglied ist. Da heißt es unter anderem: “Ich werde mich in meinen ärztlichen Pflichten meinem Patienten gegenüber nicht beeinflussen lassen durch Alter, Krankheit oder Behinderung, Konfession, ethnische Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politische Zugehörigkeit, Rasse, sexuelle Orientierung oder soziale Stellung.” Zwar heisst es im Schlusssatz des Aufrufs abschwächend: “Das ändert nichts an unserer Verpflichtung und Bereitschaft, in allen Notfällen unsere medizinische und psychotherapeutische Hilfe zur Verfügung zu stellen.” Das ist aber eine erhebliche Einschränkung, wenn man ärztliche Definitionen psychiatrischer Notfälle heranzieht. “Ein psychiatrischer Notfall liegt vor, wenn das akute Auftreten oder die Exazerbation einer bestehenden psychiatrischen Störung zu einer unmittelbaren Gefährdung von Leben und Gesundheit des Betroffenen und/oder seiner Umgebung führt und sofortiger Diagnostik und/oder Therapie bedarf.” (Zitiert nach Thomas Messer, Cordula Tiltscher und Frank-Gerald Pajonk, Psychiatrische Notfälle, in: Jörg Brokmann und Rolf Rossaint (Hrsg.), Repetitorium Notfallmedizin, Springer Berlin Heidelberg 2008, S. 261). Das heißt, der soldatische Patient muss sich oder andere erst akut an Leib und Leben gefährden, bevor ein IPPNW-Unterstützer ihn behandelt. Das empfinde ich schlicht als menschenverachtend.
30. September 2009 um 19:03 Uhr
Gelöbnis des Arztes
1. Es ist Aufgabe des Arztes in Friedens- wie in Kriegszeiten unter Achtung vor dem Leben und der Würde des Menschen ohne Unterschied des Alters, der Rasse, der Religion, der Staatsangehörigkeit, der gesellschaftlichen Stellung, der politischen Ideologie oder irgendwelcher anderer Art, die körperliche und geistige Gesundheit des Menschen zu schützen und sein Leiden zu lindern.
2. Der Arzt hat bei der Ausübung seines Berufes die Gesundheit des Patienten in den Vordergrund zu stellen. Der Arzt darf seine beruflichen Kenntnisse nur zur Verbesserung oder Erhaltung der Gesundheit der Menschen, die sich ihm anvertrauen und nur auf deren Ersuchen einsetzen. Er darf in keinem Fall zu ihrem Schaden tätig werden.
3. Es widerspricht der ärztlichen Ethik, wenn der Arzt dem Patienten bei der Ausübung seines Berufes seine persönlichen, weltanschaulichen, moralischen oder politischen Vorstellungen aufzwingt.
Aus: Grundsätze ärztlicher Ethik Europäische Berufsordnung)
Quelle: Homepage Bundesärztekammer (http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=1.100.1142.1145)