Westerwelle zu Afghanistan, Bundeswehr und Wehrpflicht
von Dirk ~ 21. Juli 2009. Zu lesen unter: Verteidigungspolitik, Wehrpflicht/Freiwilligenarmee.FDP will im Falle der Regierungsbeteiligung
eine Bundeswehr als Freiwilligenarmee
FDP-Partei- und Fraktionschef Guido Westerwelle hat im Interview mit dem “Deutschlandradio” erklärt, dass sich die Liberalen in Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl für eine Aussetzung der Wehrpflicht stark machen werden. Das die einen dienen und die anderen in der Zeit schon verdienen, sei absolut unfair. Wenn man aber die Wehrpflicht nicht mehr gerecht organisieren könne, dann müsse die Bundeswehr in eine Freiwilligenarmee umgewandelt werden – so wie es die meisten Verbündeten längst getan haben, erklärte Westerwelle.
Inteviewauszüge zu den Themen Afghanistan, Bundeswehr-Einsatz, Wehrpflicht, Rüstungsexporte:
“Labuhn (dradio): Herr Westerwelle, Sie haben in letzter Zeit ein großes Interesse an Außenpolitik erkennen lassen, auch an Sicherheitspolitik. Da gibt es einen Bereich, der vielen Menschen Sorgen macht, nämlich das Bundeswehrengagement in Afghanistan. Die Sicherheitslage dort wird immer schlechter.
Die FDP hat in ihrem Wahlprogramm am Begriff der “Vernetzten Sicherheit” auch in Afghanistan festgehalten, also ein Zusammenspiel von zivilem Wiederaufbau, ergänzt natürlich durch militärische Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit, ergänzt auch um den Wiederaufbau von Polizei und Armee in Afghanistan, bis die Afghanen für ihre eigene Sicherheit sorgen können.
Das bedeutet also eine temporäre Präsenz internationaler Truppen, bevor dieses Ziel erreicht ist. Wie lange soll das für die Bundeswehr dauern?
Westerwelle: Ich kann nicht sagen, wie lange der Einsatz der Verbündeten in Afghanistan dauern wird. Ich weiß nur zweierlei. Erstens ist er derzeit notwendig, und zweitens wollen wir ihn natürlich eines Tages beenden.
Er ist derzeit notwendig, weil – wenn wir jetzt unsere Truppen abziehen würden, wäre Afghanistan sofort wieder das Rückzugsgebiet der Talibanterroristen in der Welt. Wenn wir jetzt gingen, wäre Kabul wieder die Hauptstadt des Terrorismus in der Welt. Und gleichzeitig dürfen wir nie aus den Augen verlieren, dass natürlich jeder militärische Einsatz auch beendet werden muss. Und das hängt auch davon ab, dass es uns gelingt, die zivilen Strukturen einschließlich auch der Staatsstrukturen bei der inneren Sicherheit entsprechend auszubauen.
Und dass die Bundesregierung den Polizeiaufbau in Afghanistan, obwohl sie ja dadurch Verantwortung übernommen hat international, so hat schludern lassen, das rächt sich jetzt, denn wir werden natürlich aus Afghanistan nur raus gehen können, wenn auch vor Ort vernünftige Strukturen der inneren Sicherheit vorhanden sind, mit denen also die afghanische Staatsgewalt dann in der Lage ist, gegen Terrorismus entsprechend vorzugehen. Wir schützen derzeit in Afghanistan unsere eigene Sicherheit und Freiheit.
Labuhn: Die Bundeswehr, die das unter anderem tut, ist zurzeit eine Wehrpflichtarmee. Die FDP fordert in ihrem Wahlprogramm die schnellstmögliche Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland.
Würden Sie darauf bestehen, diese Forderung auch in einen Koalitionsvertrag aufzunehmen?
Westerwelle: Die Entwicklung wird das bringen. Ich weiß nicht, ob es uns gelingt, das direkt am Anfang in einer Regierungskoalition mit der CDU/CSU durchzusetzen. Ich weiß nur, dass wir sehr viel dafür tun werden, denn Wehrgerechtigkeit ist ein wichtiges Anliegen der FDP. Und dass die einen dienen und die anderen in der Zeit schon verdienen, ist absolut unfair. Und dementsprechend, wenn man die Wehrpflicht nicht mehr gerecht organisieren kann, dann muss man es eben in eine Freiwilligenarmee umwandeln, wie das ja die meisten Verbündeten längst getan haben, auch in Europa.
Wir werden versuchen, das in Koalitionsverhandlungen durchzusetzen. Ich habe auch den Eindruck, dass vor allem die Jüngeren in der Union dieses unterstützen möchten. Und wenn die ihren Druck dann entfalten und wir kräftig genug werden bei der Bundestagswahl, dann gibt es eine Chance, dass diese Aufgabe auch erledigt wird.
Labuhn: Die FDP, Herr Westerwelle, setzt sich nach eigenem Bekunden für Frieden und Abrüstung ein weltweit. Nun ist zu beobachten, dass Deutschland in den letzten Jahren zum drittgrößten Rüstungsexporteur der Welt geworden ist. Würde sich das ändern, falls die FDP an der nächsten Bundesregierung beteiligt ist?
Westerwelle: Ich halte das zumindest für eine sehr fragwürdige Entwicklung, und wir werden dem nachgehen, warum sich das so entwickelt hat. Dass wir auch Waffenexporte brauchen, das ist klar, denn auch unsere Verbündeten wollen zum Beispiel Sicherheit haben. Dass aber diese Entwicklung seit Rot-Grün, nämlich eine immer größer werdende Zahl von Waffenexporten, auch relativ in der Welt gesehen, so nicht weiter gehen kann, das ist auch richtig.“
zum vollständigen Interview bei Deutschlandradio
(Textauszüge: Deutschlandradio.de;
Bilderquelle: Reservistenverband.de)
Soldatenglück.de ist für die Beibehaltung der allgemeinen Wehrpflicht und für eine gleichberechtigende Erweiterung dieser Dienstpflicht auch für Frauen, außerdem für die Verlängerung auf ein Jahr bzw. 12 Monate mit den ergänzenden Auswahl-Angeboten neben dem Jahr Wehrdienst um alternativ ein Soziales Jahr, ein Ökologischen Jahr, ein Medizinisches Jahr oder ein Entwicklungshilfe Jahr sowie für die Beibehaltung der bestehenden Alternativen im Katastrophenschutz wie THW, Feuerwehren oder andere Hilfsorganisationen (MHD, JUH, DRK, DLRG etc.).
Denn es wird unseren Heranwachsenden, Jungen und Mädchen und jungen Männern und jungen Frauen als “Schule der Nation” gut tun, sich in einer solidarischen Gemeinschaft nach ihrer Wahl, ihren Stärken, Fähigkeiten und Interessen einsetzen zu können und dabei etwas für das Land, die Gesellschaft und unsere Mitmenschen und nicht zuletzt sich selbst zu tun und nicht nur zu fragen, was das Land für sie tut. Die Frage, “was kann ich für mein Land tun” würde auch den Mitwirkenden der liberalen Wettbewerbs- und Leistungsträger-Partei FDP gut tun.
























21. Juli 2009 um 08:10 Uhr
Die Idee einer “Schule der Nation” finde ich gut, doch warum lässt man nicht die Schulen diese Aufgabe durchführen und lagert sie an die Bundeswehr aus, die einen eigenen Auftrag hat? Anstatt mit der Erziehung zu warten bis es fast schon zu spät ist und die Erziehung nur ausgewählten jungen Männern zukommen zu lassen, sollten alle jungen Menschen in den Genuß von Erziehung kommen. Schulen sind dafür der richtige Ort.
Zwangsdienste wie die Wehrpflicht binden nur Kräfte und Ressourcen und schaffen eine Menge halbmotivierter Menschen, die für volkswirtschaftlich sinnvolle Tätigkeiten in diesem Zeitraum nicht zur Verfügung stehen. Wer natürlich seinem Land dienen will, für den sollten Möglichkeiten geschaffen werden, dies freiwillig und in einer sinnvollen Verwendung zu tun.
Im Fall einer Aussetzung der Wehrpflicht würde man eine starke Reserve brauchen, die in Krisenfällen aufwachsen könnte und ansonsten Katastrophenschutz etc. unterstützen könnte. Hier würde die Möglichkeit bestehen, zahlreichen Menschen die Gelegenheit zum freiwilligen, langfristigen Engamgement zu geben,
21. Juli 2009 um 09:26 Uhr
Die Angst um eine zu kleine moblisierbare Reserve ist unbegründet. Die Zahlen zeigen es.
Da sieht Deutschland mit seiner Wehrpflicht sogar noch schlecht aus. Dies kann also KEIN Grund für die Wehrpflicht sein.
Deutschland: 250.000 + 90.000
GB: 208,000 + 230.000
FR: 245.000 + 419.000
USA: 1.500.000 + 860.000
21. Juli 2009 um 10:08 Uhr
Wenn wir hier umbauen wollen, dann bitte von Grund auf, ein lapidares Aussetzen der Wehrpflicht gleicht einem Aussitzen der Frage, was erwartet Deutschland von seinen jungen Bürgern, Wehrdienst, Zivildienst oder gar nichts.
Die “Schule der Nation” passt sich ein in ein “Leben lang lernen”, Schule hinterlässt Jugendliche oft unfertig, das ist nicht wirklich neu. Bundeswehr oder andere Jahresdienste ab dem 18. Lebensjahr können nicht vornehmlich Versäumtes nachholen oder erwachsen oder reif machen, aber ein solches Jahr (für jeweils 1.000 Euro Bezüge im Monat) könnte allen vermittelt, ich habe mich sozial, ökologisch, medizinisch, militärisch oder in der Entwicklungshilfe eingebracht und weitere Skills schaffen, der Berufsorientierung dienen und sicher auch einen weiteren Blick in die Lebenswirklichkeit vermitteln.
Eine gerechte Wehrpflicht wäre der Zukunftsgarant für das “Spiegelbild der Gesellchaft in der Bundeswehr”, für eine Nachwuchsgewinnung, eine erprobende/erprobte Auslese, für eine Bundeswehr inmitten der Gesellschaft und für ein lebendiges Bild des Staatsbürgers in Uniform.
Dieses Vorhaben wäre ein mutiger Schritt, doch dafür sind Parteien weder vor noch nach Wahlen bekannt.
Ich verweise auf das Erfolgsprojekt http://www.weltwaerts.de/ , der Freiwilligendienst des Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), dort rennen junge Leute, darunter ganz viele Mädchen und junge Frauen der Durchführungsorganisation DED die Türen ein.
Unterschätzt nicht die Bereitschaft der jungen Menschen in Deutschland, sich engagieren zu wollen, sich qualifiziert einzubringen, der Staat kann die Angebote dazu schaffen, das Wort “Zwangsdienst” ist dabei ein Wort der destruktiven Debatte.
Sicher sollte aus der Bundeswehr weiterhin eine modernen, best-technisierte, professionelle Einsatzarmee mit hochqualifiziereten Soldatinnen und Soldaten werden, das ist auch mit der Wehrpflicht möglich.
21. Juli 2009 um 13:26 Uhr
Die Bundeswehr ist alles mögliche, aber ganz sicher keine “Schule der Nation”. Die Erfahrungen, die bei der Bundeswehr als Wehrpflichtiger gesammelt werden sind manchmal positiv und – wie Umfragen zeigen – vor allem negative. Der Bund als Gammeldienst und sinnfreie Zeit, die leider immer noch die vorwiegende Erfahrung und das vor dem Hintergrund einer an Ungerechtigkeiten nicht zu überbietenden Wehrdienstpraxis.
Herr Westerwelle hat völlig recht mit seiner Analyse, zumal die Wehrpflicht in der freien Welt praktisch kaum noch gibt. Dass Deutschland hier zum absolutem Schlusslicht gehört ist mehr als bedauerlich.
PS. Ich habe selber gedient.
21. Juli 2009 um 14:25 Uhr
@Andreas – “Schule der Nation” ist ein/mein Wunschbild. Einen Dummbeutel-Bund will ich nicht, kein Gammeldienst und keine sinnlos/sinnfrei-Zeit. Die Folgen einer viel zu lange aufgeschobenen Wehrpflicht-Reform schlagen sich zugegebenermaßen in eine unhaltbare Wehr-Ungerechtigkeits-Praxis nieder. Doch ein Aussetzen der Wehrpflicht löst doch nachhaltig nichts.
“Wehrpflicht und freie Welt”, ich und viele vernunftbegabte langjährige Soldaten wollen für D keine Freiwilligenarmee nach US- oder GB-Vorbild.
Wir brauchen bitte mehr tiefgründiges Quer- und Nachdenken nach einer Zukunfts-Lösung in der demokratischen Tradition des Staatsbürgers in Uniform und eine Dienstpflicht-Gerechtigkeit (Zivildienst, Wehrdienst und Alternativ-Dienste für Männer, Frauen) und vor allem keine Versprechungen an Jungwähler, “wir schaffen die Wehrpflicht für Euch ab, Ihr müsst uns nur wählen”.
Und dann, wie geht es weiter, eine deutsche Berufsarmee, die noch weiter von der Gesellschaft entfernt ist als es das bisherige “freundliche Desinteresse” und die “kalte Schulter” zur bürgernah angelegten Wehrpflicht-Bundeswehr in mentalen Distanzen ausdrücken.
Wir wollen außen- und sicherheitspolitisch ein Global Player sein/werden, dann bitte mit einer hochprofessionellen Einsatz-Bundeswehr und der Gesellschaft mit im Boot, Männer wie Frauen, per Wehr- oder sonstiger Dienstpflicht, keine Scheckbuch-Diplomatie und bezahlte Freiwilligenarmee, die im Grunde keine wirklich Freiwlilligen hat, sondern wie heute schon in der in der Tat Wehr-ungerechten Bw, die Jungs, die keine Arbeit finden oder aus strukturschwachen Regionen stammen oder mit Migrationshintergrund eine temporäre Chance auf patriotische Integration wahrnehmen, das wäre keine Bürgerarmee, sondern ein Fluchtarmee aus dem Prekariat, weil die Bürger die der Herr Westerwelle meint, gleich Geld verdienen oder ihr Studium beginnen sollen. In z.B. Afghanistan die Talibanisierung der Welt bekämpfen sollen dann bitte die Wähler anderer Parteien, gerne auch mit Russland-deutscher Herkunft.
Als nächstes wird die FDP die Bw privatisieren wollen, wie bei Bundesbahn und Bundespost als Super-Beispiele, Westerwater statt Blackwater, im Gegensatz zu Dir hat Herr Westerwelle und eine Vielzahl seines Umfeldes nämlich nicht “gedient”.
22. Juli 2009 um 11:01 Uhr
Hat nur einen Schönheitsfehler: Zwangsdienste sind lt. Verfassung mit Recht verboten (dein Szenario ist ein sozial verbrämter “Reichsarbeitsdienst”), die Wehrpflicht ist eine Ausnahme und nur gerechtfertigt, wenn sie “gerecht” ist. Davon kann keine Rede mehr sein.
Und man kann keine auf Egoismus basierende Gesellschaftsform (aka “Marktwirtschaft”) glorifizieren und dann von jungen Leute verlangen, mal ein Jahr so zu tun als wären “wir” eine solidarische Gesellschaft der Art “wir große deutsche Familie”. Sind wir nicht.
Von daher finde ich ausnahmsweise mal einen Vorschlag der FDP konsequent und logisch.
22. Juli 2009 um 11:19 Uhr
@Ralf G. – ja, es fehlt an Solidargemeinschaft, woher soll die auch kommen bei so viel Ego- und Ellbogen-Gesellschaft ab dem Kindesalter. Ein gerecht angebotenes Pflichtjahr hat mit dem Reichsarbeitsdienst so wenig zu tun, wie der bundesdeutsche Zivildienst mit den DDR-Bausoldaten.
Dieser Partei-Vorschlag ist nicht nur “konsequent und logisch” so wie der aktuelle Sommerloch-Vorschlag, dass Autobahn-Baustellen auch nachts weiter gebaut werden sollten, es sind so viele für diese gute Idee, dass für einen kurzen Moment Volkspartei-Freude aufkommt.
22. Juli 2009 um 11:28 Uhr
Diejenigen, die in der Bundeswehr eine „Schule der Nation“ sehen wollen, scheinen meiner Meinung nach gegenüber den vielen unterschiedlichen Schulsystemen und gegenüber dem Primat der elterlichen Erziehung kapituliert zu haben. So berichten viele Eltern beispielsweise, dass sie froh sind, dass ihr Sohn / Tochter nun endlich in der Lage ist ihr Zimmer aufzuräumen, was im Umkehrschluss bedeutet, dass sie sich seinerzeit nicht durchsetzen wollten oder konnten. Lehrer können Macherorts froh sein, wenn ihnen gegenüber von Schülern keine körperliche Gewalt angewendet wird und sie nicht aufgrund von Burnout gezwungen sind, sich allzu früh in den vorzeitigen Ruhestand versetzen zu lassen. Etwas zynisch betrachtet kommt da die Bundeswehr mit ihrem Prinzip der Inneren Führung mit dem Staatsbürger in Uniform im Zentrum gerade recht. Seit den preußischen Heeresreformern hat sich das Prinzip der Auftragstaktik fortentwickelt und in den Streitkräften verfestigt und gewinnt durch die „Armee im Einsatz“ eine ganz neue Dynamik und Notwendigkeit. Häufig müssen Soldaten bewusst oder unbewusst Entscheidungen (schieße ich oder schieße ich nicht) mit politischer Tragweite (durch die Medien vervielfacht) treffen. Die Führung, Ausbildung und Erziehung der Soldaten trägt diesen Erfordernissen Rechnung. Politische Bildung wird seit jeher großgeschrieben; die Vorschrift Innere Führung wurde gerade erst wieder neu verfasst und an das aktuelle Weißbuch angepasst. Die Bundeswehr ist also, will sie die notwendigen Prinzipien der Auftragstaktik und des Denkens im Sinne der übergeordneten Führung (ausgerichtet an den demokratischen Werten des Grundgesetzes) erhalten, darauf angewiesen die Soldaten entsprechend politisch, historisch und kulturell auf ihren Dienst vorzubereiten. Folglich hat sie keine Wahl: Sie muss die Fehler der Schulen und Eltern unfreiwillig als „Schule der Nation“ kompensieren. Warum kann die Bundeswehr dies scheinbar besser? Es liegt, wie ich denke, an der höheren Bereitschaft unangenehme Entscheidungen auch notfalls gegen den Willen des Soldaten durchzusetzen (zumindest ein wesentlicher Faktor von Erziehung). Dazu ist eine Akzeptanz des Vorgesetzten als Autorität, der linke und rechte Grenze vorgibt, unerlässlich (dies könnte man sicherlich noch weiter ausführen bzw. diskutieren…).
Der Vorschlag zur Aussetzung der Wehrpflicht seitens der FDP ist nicht neu und stellt meiner Meinung nach nur auf den ersten Blick eine „Kompromisslösung“ zwischen Abschaffung und Beibehaltung dar. Die Ausrichtung der Bundeswehr auf ihre Kernfähigkeiten (vgl. Weißbuch 2006) böte insbesondere keinen finanziellen Spielraum, um die Strukturen einer ausgesetzten Wehrpflicht am Leben zu erhalten. Folglich kommt eine Aussetzung de facto einer Abschaffung gleich. Die Wehrungerechtigkeit ist offenbar und wird größtenteils auch nicht bestritten. Woran liegt das? Ich glaube, dass wiederum die Finanzmittel hierbei den limitierenden Faktor für die Bundeswehr (ein Großteil der Bevölkerung ist dies ohnehin schon zu viel) darstellen, um mehr Wehrpflichtige einzuberufen. Die Wehrgerechtigkeit wieder herzustellen hinkt also an der zum Teil auch verständlichen Bereitschaft die entsprechenden Mittel diesbezüglich aufzuwenden.
Die Diskussion Wehrpflicht versus Berufsarmee wird in der Öffentlichkeit und auch in den Streitkräften durchaus kontrovers diskutiert. Fakt ist, das viele unserer Bündnispartner (allen voran Frankreich) uns für unsere bisherige Beibehaltung der Wehrpflicht beneiden. Noch ist man nicht gezwungen Personal, welches „Kavalierdelikte“ begangen hat, aus Gefängnissen zu rekrutieren. Ebenso müssen wir noch nicht „Attraktivitätsprogramme“ (Schul- oder Universitätsausbildung oder gar Erhalt der Staatangehörigkeit (wie in den USA, die die Wehrpflicht ausgesetzt haben) als Gegenleistung für den Dienst in den Streitkräften) starten, um „qualifiziertes“ bzw. überhaupt Personal zu gewinnen. Auch würde der durch den Austausch notwendige Bezug zur Gesellschaft (und auch @Dirk das „Spiegelbild der Gesellschaft in der Bundeswehr“) verloren gehen. Schon heute kennt sich die Bevölkerung nach meiner Auffassung allgemein besser mit den Themen Arbeit und Soziales, Wirtschaft, Technik … aus, als mit der Bundeswehr.
Die Wehrpflicht ist seit über 200 Jahren das Fundament einer glaubhaften Landesverteidigung. Der Wohlstand und die Sicherheit an den Grenzen der Bundesrepublik Deutschland haben nach dem Ende des Kalten Krieges die Notwendigkeit der Fähigkeit zur Landesverteidigung in den Hintergrund treten lassen. Die Wehrpflicht wurde damals wie heute geschaffen, um die Problematik der Kosten eines stehenden Heeres von – sagen wir – von über einer Million Soldaten zu Gunsten einer zweckmäßigeren gesamtstaatlichen Ressourcenallokation zu umgehen. Folglich müsste der Kern der Diskussion nicht um die Aussetzung der Wehrpflicht, sondern um die Aussetzung der Fähigkeit zur Landesverteidigung geführt werden.
@cassino: Die von ihnen getroffenen Annahmen sind meines Erachtens unzutreffend. Wehrpflichtige werden nach ihrer Dienstzeit (soweit ich weiß nur wenn sie wollen) zu Reservisten. Reservisten sind jedoch auch alle Soldaten auf Zeit, die nach vier, acht oder zwölf Jahren aus dem aktiven Dienst ausscheiden und nicht Berufssoldat werden. Folglich würden im Falle einer Mobilisierung alle Reservisten eingezogen. Diese Zahl würde dann, die von Ihnen veranschlagte Zahl von 250 000 + 90 000 (abhängig von den dann einberufenen Jahrgängen), deutlich übersteigen. Weiterhin haben GB, F und die USA die Wehrpflicht ausgesetzt bzw. abgeschafft. In diesen Ländern ist jeder, der die Streitkräfte verlässt, automatisch Reservist. Deshalb hinkt meiner Meinung nach der von Ihnen aufgezeigte zahlenmäßige Vergleich.
Die Wehrpflicht aus Gründen einer „Schule der Nation“ aufrechtzuerhalten ist deshalb zusammenfassend aus meiner Sicht in doppelter Weise falsch. Die öffentliche Diskussion verläuft leider am Kern der Fragestellung vorbei.
24. Juli 2009 um 12:33 Uhr
Bei der Bundeswehr lernt man doch nur das Saufen! Prost!
24. Juli 2009 um 12:58 Uhr
@nubu – Auch die Erfahrung gehört zur Bundeswehr als “Spiegelbild der Gesellschaft”. http://www.bmg.bund.de/cln_091/nn_1191726/DE/Drogen-und-Sucht/Alkohol/alkohol__node.html?__nnn=true
25. Juli 2009 um 12:02 Uhr
Also wer sich mal etwas intensiever mit der gesamten Situation auseinandersetzt, der merkt schnell das die Öffentlichkeit von ahnungslosen Politikern ( Jung ) absolut verarscht wird!!!
25. Juli 2009 um 19:35 Uhr
Es liegt doch an uns – der Gesellschaft – ob wir uns das bieten lassen! Nachfragen, Finger in die Wunden legen, “unbequeme” Fragen stellen, zeigen, dass man deren Spielchen durchschaut hat, und wählen gehen!!!
Jedes Land, jedes Volk hat die Regierung, die sie verdient – die sie gewählt hat. Man muss sich schon verwundert die Augen reiben, wenn man die neueste Beliebtheitsskala unserer Politiker betrachtet: Eine Bundeskanzlerin, die quasi nicht vorhanden ist, lieber alles aussitzt, wie weiland ihr Ziehvater – ist weiterhin der Bundesbürger erste Wahl für dieses Amt. Ein Verteidigungsminister, dem Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie wichtiger sind, als “seine” Soldaten, s. “A400M” und “Tiger”, sich auch ansonsten nicht dafür einsetzt, dass die Soldaten über beste Ausrüstung und mittlerweile auch Ausbildung verfügen, dürfte wohl auch im Oktober noch dieses Amt bekleiden. Da erklärt man selbst den Familienangehörigen der Soldaten noch allen Ernstes, dass die Soldaten ausschließlich gem. ihrer langjährigen hervorragenden Ausbildung und Heimatverwendung in den Einsatz gehen – aus “Überlastung” und “Burn-out” wird mittlerweile fast jeder überall hingeschickt – ob der Auftrag dadurch nur halbherzig ausgeführt werden kann und/oder ob damit Risiken in Bezug auf die Sicherheit der Soldaten eingegangen wird – Nebensache! Das ist Alltag im Einsatz – die “tiefe Betroffenheit” von Herrn Jung am Sarg des nächsten gefallenen Soldaten kommt dabei herüber wie der reinste Hohn.
Aber wie gesagt, es kommt auf uns an, Alternativen gibt es immer, können aber manchmal unbequem, weil wahr sein!