U.S. Präsident Obama hinterfragt militärischen Sieg in Afghanistan, Dialog mit gemässigten Taliban erforderlich
von Dirk ~ 8. März 2009. Zu lesen unter: Sicherheitspolitik.Mut zur Wahrheit -
die Neuen Kriege, sie beginnen nicht als Krieg
und enden nicht mit einem Sieg, für niemanden
Aus der Air Force One verkündete Barack Obama in einem 35-Minuten Interview mit der The New York Times (NYT) einen neuen US-amerikanischen Realismus über die Qualitiät und Aussichten des militärischen Erfolges in Afghanistan: “President Obama declared in an interview that the United States was not winning the war in Afghanistan and opened the door to a reconciliation process in which the American military would reach out to moderate elements of the Taliban”, schreibt die NYT.
Der neue 44. US-Präsident verabschiedet damit noch in seinen ersten 100 Tagen die Illusion seines Amtsvorgängers George W. Bush, dass der Krieg am Hindukusch, den schon die Sowjetarmee mit weitaus mehr Kräften und ungleich brutalerem Vorgehen verlor, im herkömmlichen Sinne gewinnbar sei. Kategorien wie Sieg und Niederlage sind in Zeiten der Asymmetrischen Bedrohungen und Kriege nicht mehr zeitgemäß. Die Messparameter des Erfolges der NATO und der westlichen Staatengemeinschaft müssen dieser Erkenntnis mit Widerwillen folgen. Erfolge in Afghanistan könnten am Level der Landes-adäquaten Demokratisierung, am Maß des Friedens, an der Verringerung von Kriegstoten und Minimierung von zivilen Opfern, der Verhinderung von Ungerechtigkeit und Mißwirtschaft, am Wiederaufbau von Schulen, Krankenhäusern und der Binnenwirtschaft bei Verdrängung des Taliban-Einflusses gemessen werden, aber wohl nicht am absoluten Sieg von regulären Streitkräften. Eine Demokratisierung nach westlichem Anspruch und Vorbild für den Hindukusch ist Utopie, eine Gesellschaft mit westlicher Freiheit, Toleranz und Offenheit wie in London, Berlin, Paris und Washington ist für die Region zwischen Kabul, Kunduz und Kandhar mit Eseln, Scharia, Analphabetismus und Koran-Schulen, Opiumfeldern und Islam-Extremismus (noch und vielleicht nie) nicht erreichbar. Der Irak hat vergleichbar bessere Aussichten, ein Land reich an Bodenschätzen, gewohnt an ein bisher zwar diktatorisches doch organisiertes Staatswesen. Dies ist zwar ein Offenbarungseid, aber keine Kapitulationserklärung, kein Einknicken und kein Aufgeben, vielmehr eine Analyse der eigenen Möglichkeiten und das Wissen um die Grenzen der Fähigkeiten der anderen bei Gelassenheit im Umgang mit beidem.
Das Prädikat Erfolg bei der bisherigen Kriegsführung und des milliardenschweren Wiederaufbaus in Afghanistan unabhängig von konventioneller Sieg-Begrifflichkeit mit dem Ergebnis eines vernichteten oder gefangengenommen Feindes stellt sich demgemäß schon dann ein, wenn sich das seit Jahrzehnten geschundene Land zumindest ein funktionierendes Staatssystem mit eigenen Sicherheitsstrukturen unter internationaler Assistenz aufgebaut hat und die Korruption der ersten Welle einer eingesetzten Regierung zurück gedrängt ist. Darum der Verweis von Obama auf Irak und das bittere Eingeständnis nach sicherheitspolitischen Niederlagen und Hahlbsiegen der USA gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft – angefangen in Somalia, gefolgt von Irak und nun im instabilen Afghanistan. Barack Obama will und kann den Afghanistan-Krieg nicht verlieren, obwohl er weiß, dass er einen konventionellen militärischen Sieg nicht erringen kann.
Quelle, Ursprung und Rückzugslager für Al-Qaida-Terror ist Afghanistan und ist auch Pakistan noch immer. Dass die Taliban im Al-Qaida-Verbund international vernetzt agiert, stimmt nur noch bedingt, vielmehr Paschtunen-Kämpfer, Drogeninteressen als Freiheitskampf deklariert, islamischer Kalischnikov-Fundamentalismus, gedungene, fehlgeleitetete Selbstmordattentäter in Kabul, Kunduz und auf den Straßen Afghanistans, Hinterhalte im unwegsamen Gelände sind die Gegner von hochgerüsteten Streitkräften, die wie Fremdköper über den Feyzabad-Basar durch Hohenzüge und Hindukusch-Täler patrouillieren. Die Al-Kaida-Vernetzung hat die Taliban an den Verhandlungstisch in Saudi-Arabien geführt, das ist schon praktiziert und praktisch. Darum wird der Strafverfolgung und Ursachenbekämpfung der Anschläge des 11. Septembers nach all den Opfern auf beiden Seiten mit einem schmutzigen Deal enden, so wie das Entstehen eines Osama bin Laden zu einem schmutzigen Stellvertreter-Krieg USA-Sowjetunion gehörte, in den Zeiten als Asymmetrie noch ein Begriff aus der Mathematik und das Gegenteil der Symmetrie war. Wir ziehen allmählich ab, ihr gebt Frieden und vielleicht können wir Osama bin Laden noch fassen, so sind sie, die Neuen Kriege, sie beginnen nicht als Krieg und enden nicht mit einem Sieg, für niemanden und letzteres ist der einzige Trost. Die Taliban ist nicht stark genug um den Afghanistan-Krieg zu gewinnen, sie wird ihn aber auch nicht verlieren.
Dieser neue Realismus bestimmt mittlerweile das Denken vieler Afghanistan-Strategen, die canadische Regierung hat solche Töne ganz offen schon vor Wochen angeschlagen, Obamas erste Dienstreise führte ihn nach Canada, der Mut zur Wahrheit ist bei U.S. Präsident Barack Obama als Commander in Chief allerdings kein Importgut vom nördlichen Nachbarn der USA, sondern White House-gemacht in Washington- und ist das ist neu und bringt uns ganz weit nach vorn.
Als der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck noch Vorsitzender der SPD war, brachte auch er als Afghanistan-Dienstreisender den Vorschlag, mit gemäßigten Taliban den Dialog zu suchen, er wurde dafür im Vorjahr verrissen, weil Mainz eben nicht Washington ist. Was Kurt Beck und Barack Obama(-Gutknecht) sonst noch gemeinsam haben und über Obamas deutsche Wurzeln, darüber berichtete Soldatenglück.de im September 2008.
(Bilderquelle: White House.gov, U.S. Department of Defence.mil)




























9. März 2009 um 11:32 Uhr
[...] Zu diesem Thema auch ein interessanter Artikel eines Interviews Obamas, das er der New York Times gegeben hat. (mehr darüber bei Soldatenglück.de) [...]