Bundeswehr in Afghanistan: Rescue-Patienten statt Exit-Strategie
von Dirk ~ 9. August 2008. Zu lesen unter: Auslandseinsätze, ISAF, NATO-Missionen.Tägliches Risiko

Afghanistans Norden wird zunehmend gefährlicher für deutsche Soldaten.
Die drei am Mittwoch in Afghanistan verwundeten Bundeswehr-Soldaten befinden sich weiterhin in medizischer Behandlung im Bundeswehr
-zentralkrankenhaus Koblenz. Die drei Soldaten des 17. Deutschen Einsatzkontingentes ISAF sind als Rescue-Patienten zurück nach Deutschland gekommen. Nach der Erstversorgung am Anschlagsort erfolgte der Lufttransport der Verletzten zur medizinischen Behandlung nach Mazar-i-Sharif ins Einsatz-Lazarett. Die Rückführung nach Deutschland würde von einem herbei beorderten Airbus A 310 MedEvac als fliegende Intensivstation durchgeführt. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag landete das Flugzeug mit den drei Verletzten in Köln/Bonn. Nach der Landung erfolgte der Weitertransport mit einem Großraumrettungswagen (GRTW) der Berufsfeuerwehr Koblenz in das Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz.
Ein Selbstmordattentäter hatte am vergangenen Mittwoch, 06. August nachmittags einen Bw-Bergungstrupp in Afghanistan 35 km südlich von Kunduz in Charshandet auf der Straßenverbindung in Richtung Pol-e Khomri in der Region Baghlan (Karte unten) angegriffen.

Die verwundeten Anschlagsopfer, zwei 23-jährige Hauptgefreite und Wehrpflichtige (FWDL) und ein 51-jähriger Oberstabsfeldwebel und Berufssoldat gehören dem bereits 17. Einsatzkontingent ISAF (International Security Assistance Force) an, das dem Regionalcommand North (RC N) der ISAF-Truppen zugeteilt ist, Deutschland ist seit Januar 2002 militärisch in Afghanistan engagiert – ein Ende des Bundeswehreinsatzes ist nicht absehbar, eine Exit-Strategie nicht greifbar.
Die Sicherheitslage im nördlichen Afghanistan in und um Kunduz hat sich in den vergangenen zwei Jahren deutlich verschlechtert. Vor eineinhalb Jahren wurden bei einem Selbstmordanschlag im Stadtzentrum von Kunduz drei deutsche Soldaten getötet. Die Taliban bauen zunehmend ihren Einfluss aus, auch in der Nordprovinz mit der deutschen “Verantwortlichkeit” als Lead Nation.
Der Bundesverteidigungsminister, Franz-Josef Jung, verabschiedete gemeinsam mit dem
Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, am 03. Juni in Lemgo das 17. Einsatzkontingent nach Afghanistan. Unter ihnen befand sich der 250.000ste Soldat, der von der Bundeswehr in den Auslandseinsatz geschickt wurde. Die Soldatinnen und Soldaten, die zumeist der Panzerbrigade 21 “Lipperland” aus Augustdorf angehören, sind ab Mitte Juni in Mazar-e-Sharif, Kunduz und Feyzabad eingesetzt.
Die verwundeten Soldaten stammen aus der
Luftlandebrigade 26 “Saarland” (Wappen rechts) der Division Spezielle Operationen. Die Luftlandebrigade 26 (LLBrig) ist ein luftbeweglicher Großverband mit einer Gesamtstärke von etwa 3.000 Soldaten. Die Brigade hat im Rahmen ihres Aufgabenspektrums Aufträge auszuführen, die als “Spezielle Operationen” bezeichnet werden. Hierzu führt die Brigade zwei spezialisierte Fallschirmjägerbataillone, ein Luftlandeunterstützungsbataillon sowie eine Stabskompanie, eine Luftlandeaufklärungskompanie und eine Luftlandepionierkompanie. Besonders eng arbeitet die Brigade mit französischen Fallschirmjägereinheiten zusammen. Die Soldaten der Brigade gehören seit 1991 regelmäßig zu den ersten Kräften bei Auslandseinsätzen. Die Fallschirmjäger-Brigade hatte in großen Teilen zuletzt die Truppe für die EU-Mission EUFOR RD Congo gestellt, sie wird am Brigadestandort Saarlouis am 22. August unter Befehl ihres BrigKdr, Brigadegeneral Volker Bescht – sicher mit Betroffenheit und leiseren Tönen – mit einem ‘Großen Zapfenstreich’ öffentlich sein 50-jähriges Bestehen begehen.
Der Besonderheit, dass mit diesem 17. Kontingent bei ISAF in Afghanistan seit 1992 (Kambodscha) zum 250.000sten Mal ein deutscher Soldat in den Einsatz verabschiedet wurde, muss man vor dem Hintergrund des jüngsten Anschlags noch größere Bedeutung beimessen.
Auslandsmissionen gehören zwar mittlerweile zur täglichen Praxis der Armee im Einsatz, aber das hohe Risiko für Bundeswehr-Soldaten, im Einsatz verwundet oder gar getötet zu werden, muss immer wieder von Neuem nachdenklich stimmen. 64 deutsche Soldaten verloren in Bundeswehr-Auslandseinsätzen ihr Leben, davon 39 durch “Fremdeinwirkung”. In Afghanistan sind bislang über 550 NATO-Soldaten umgekommen. Â

Zwei der drei beim Anschlag verwundeten Soldaten sind im Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz (BWK) noch immer auf der Intensivstation, die beiden 24-jährigen Hauptgefreiten sind ‘Freiwilligen zusätzlichen Wehrdienst Leistende’ (FWDL), tapfere Jungs. Der 51-jährige Oberstabsfeldwebel und Berufssoldat (StabsKp LLBrig 26 Saarlouis) ist leichter verletzt, er befindet sich auf einer Nachsorge-Station im BWK Koblenz.

Soldatenglück.de fühlt mit den verwundeten Opfern des Anschlags und deren Angehörigen und wünscht den Soldaten nach Koblenz baldige Genesung und schnellstmögliche Rückkehr zu ihren Familien.
Sein Opfer ist allerdings auch der Attentäter selbst, er wird mit dem Vornamen ”Abdullah” benannt, der sein junges Leben irregeleitet von der Taliban als Selbstmordattentäter weggeworfen hat, statt mit seiner Kraft und Energie an einer friedlichen und lebenswerten Zukunft für sein Land Afghanistan und seine Landsleute mitzuwirken.

(Bildquellen: Einsatz.Bundeswehr.de, NATO.ISAF.int, BWK Koblenz.de, Y. Magazin der Bundeswehr.de)
Hintergrundinformationen:
Auswärtiges Amt.de
Deutsche Botschaft Kabul.de
Bundeszentrale für Politische Bildung.de
International Crisis Group/Afghanistan.org






















