Bundeswehr-Sanitätsdienst in Nöten
von Dirk ~ 5. August 2008. Zu lesen unter: Bundeswehr, Zentraler Sanitätsdienst.
Wer als Bundeswehrsoldat in den San-Bereich muss, der trifft oft auf Vertragsärzte in Zivil, weil die uni
formierten Stabsärzte im Auslandseinsatz sind. Das ist nicht immer gleich ein Beinbruch, denn bei den uniformierten Kameraden gehört zur Standardmedikation Voltaren-Salbe und Fußpilzmittel gegen alles (dieser Spruch ist so alt wie die Bw selbst) und der Soldat wundert sich über die Heilmethoden der Männer und Frauen mit dem Äskulapstab auf der Schulter. Das missratene Gesundheitssystem unseres Landes macht auch vor der Bundeswehr nicht halt.
Die deutsche Militärmedizin zähle zur “internationalen Spitzenklasse”, verkündete Franz-Josef Jung immer wieder. Egal, ob ein Lazarett in Berlin, Koblenz, Masar-i-Scharif oder Prizren steht: D
er Standard sei “weltweit führend”. Der Mann hat gut reden, seine heimatnahe Wehrpflicht-Dienstzeit 1968/69 in Lahnstein und Lorch am Rhein bei den Flusspionieren ist lange her, die Blasen am Fuß nach dem ersten Leistungsmarsch wird ihm ein Sanitätskamerad gut versorgt haben, derzeit sieht er als IBuK schmerzfrei die Bw-Spitzen-Medizin-Technik, MedEvac-Airbusse auf High-Tech-Niveau, frisch gewienerte Bundeswehrkrankenhaus-Flure und attraktiv-lächelnde Stabsärztinnen in strahlendem Persil-Weiß anlässlich des Ministerbesuchs.
Vermeintlich privilegiert ist der akademische Beruf des Mediziners in der Bundeswehr von jeher, so wird ein Stabsarzt (vgl. Hauptmann) besoldet wie ein Major, ein Oberstabsarzt (Bild rechts, vgl. Major) wie ein Oberstleutnant, ein Oberfeldarzt (vgl. Oberstleutnant) wie ein Oberst und ein Oberstarzt (vgl. Oberst) wie ein Brigadegeneral. Gleiches git für die Zahnmediziner, Apotheker und Tiermediziner im Truppendienst.
Der Frust am Arzt-Job bei der Bundeswehr kann sich im Auslands-einsatz mal 8 Wochen zu erkennen geben, die Damen und Herren Sanitätsoffiziere (SanOffzArzt) bestimmen fern der Heimat z.B. die Kleiderordnung gerne und hierarchiefrei selbst, daheim in der Stammdienststelle heißt es ‘in Gleichschritt Marsch’. Gleichwohl, viele Soldaten stellen erfreut fest, dass die medizinischen Behandlung im Auslandseinsatz besser ist als am Heimatstandort. Auch das Abendprogramm wohl, in der deutschen ‘Sanshine Bar’ (Betreuungseinrichtung der Sanitäter, neben ‘Oase’, ‘Güner Husar’, ‘Weißer Italiener’, …) im Mulit-nationalen Feldlager Prizren bei KFOR geht es bei den “Karbol-Parties” besonders ausgelassen aber ungesund zu. Die langen Pausen und die mit Zeltplanen Blick-geschützten San-(Außen-)Bereiche beim Einsatzlazarett sorgen für nahezu nahtlose Bräune beim Sanitätspersonal, obwohl ein SanOffzArzt statt 4 Monaten Stehzeit im Auslandseinsatz nur 2 zu absovieren hat. Dafür muss ein SanOffzArzt öfter und in kürzeren Intervallen als die Kameraden des restlichen Truppendienstes auf Auslandsmission.
Im Auslandseinsatz sind die gut ausgebildeten Bw-Mediziner irgendwo zwischen Gefahr, Frust und Langeweile unterwegs. Deutsche Militärärzte erhalten viele Weiterbildungen und Praktika, auch die Gelegenheit zu realitätsnahen, praktischen Studienaufenthalten zum Beispiel in Südafrika in den dortigen Kliniken, denn im Township sind Notfall-Einlieferungen mit Schuss- und Stichverletzungen im Gegensatz (zum Glück) zum Heimatstandort oder zu den Auslandsdienststützpunkten an der Tagesordnung.
Trotzdem, in den letzten zwölf Monaten haben rund 40 Ärzte den Dienst bei der Bundeswehr quittiert. Manche habe sogar mehr als 100.000 Euro
Ausbildungskosten zurückerstattet, weil sie vor Ablauf ihrer 17-jährigen SaZ-Verpflichtung ein attraktiveres Angebot erhalten haben. Nicht alle Gründe für personelle Schwierigkeiten liegen beim Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr. Der Bundeswehr-Sanitätsdienst hat sogar eine eigene Bundeswehrarzt-Stellenbörse im Internet und bietet Reservisten im Sanitätsdienst proaktiv Reserveübungen im In- und Ausland an. Dennoch, die Truppe hat zu wenig Ärzte und auch zu wenig gute Ärzte. Trotz steigender Frauenquote sind zum Beispiel Fachärzte für Frauenheilkunde im Truppendienst nicht vorgesehen, wenn Soldatinnen im Auslandseinsatz gynäkologisch erkranken, ist der Rücktransport nach Deutschland erforderlich. Im Auslandseinsatz fehlen vor allem qualifizierte und erfahrene Notfallmediziner, Feldärzte im Sinne des Wortes, selbst Fachärzte für Augenheilkunde oder Nuklearmediziner werden als Notfallbegleitteam bei gefährlichen Patrouillen eingeteilt, obwohl sie praktisch keine Erfahrung mit Rettungsmedizin, Notoperationen oder gar Schuss- und Granatsplitter-Verletzungsbildern haben.
Generaloberstabsarzt Dr. med. Kurt-Bernhard Nakath führt als Inspekteur den Zentralen
Sanitätsdienstes der Bundeswehr mit 18.993 Sanitäts-Soldatinnen und -Soldaten im Organisationsbereich bei einer höheren Stärke als die kleinste Teilstreitkraft Marine. Der Inspekteur des Sanitätsdienstes muss die Spannungsfelder Transformation-Auslandseinsätze, Attraktivität-Abwanderung, Sanitätsqualität-Kosteneinsparung im Griff behalten. Der ‘erste Mediziner’ der Bundeswehr muss fünf Bundeswehr-Krankenhäuser, das Sanitätsführungskommando mit vier Sanitätskommandos plus Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst und das Sanitätsamt mit alles in allem zu wenig Haushaltsmitteln und mehr Arbeit als Personal führen.
Das Forum Sanitätsoffiziere ist ein Verein von ehemaligen und aktiven Sanitätsoffizieren oder ReserveSanOffz, der Arbeitsbedingungen und
Möglichkeiten schaffen will, die eine Optimierung der Versorgung der anvertrauten Patienten gewährleisten. Das Forum Santitäsoffiziere will die Führung und die zwischengeschaltete Hierarchie des Sanitätsdienstes der Bundeswehr darin unterstützen und anregen, praxisnahe und zukunftsorientierte Konzepte zur Steigerung der Attraktivität des Berufsbildes “Sanitätsoffizier (Arzt)” zu entwickeln und dadurch die durch den Inspekteur des Sanitätsdienstes öffentlich geforderte optimale Versorgung der Bundeswehrangehörigen erreichen. Die Männer und Frauen haben viel vor und kämpfen schon lange gegen bekannte Missstände.
‘Zum Nutz und Frommen des Kranken’, so lautet der Eid des griechischen Arztes Hippokrates von Kós seit 400 v. C
hr. und noch heute eines jeden Mediziners. Im Leitbild des Bundeswehr-Sanitätsdienstes heißt es: “Die Gesundheit unserer Kameradinnen und Kameraden zu schützen, zu erhalten und wiederherzustellen, ist unser zentraler Auftrag”. Das gelingt allerdings nicht so optimal, wie es wünschenswert wäre. Sind Bundeswehr-Ärzte deswegen die schlechteren Kameraden, ein Verteidigungs-Fachpolitiker hat diesen Eindruck offenbar.
Rainer Arnold, MdB und Mitglied im Bundestags-Verteidigungsausschuss hat sich sein Bild als SPD-Verteidigungspolitiker vom Bundeswehr-Sanitätsdienst bei vielen Truppenbesuchen und in der Ausschussarbeit gemacht: “Einige Ärzte haben die Transformation der Bundeswehr zu einer Einsatzarmee noch nicht voll akzeptiert”, fürchtet Arnold. Sie haben sich beim Militär verpflichtet, weil sie anders keine Chance sahen, Arzt zu werden. Dass der Preis lange Einsätze im Ausland sein könnten, hat offenbar nicht jeder einkalkuliert, zumal wenn er nicht Notfallmedizin zu seinem Spezialgebiet gemacht hat. Und weiter sagte Rainer Arnold dem Journalisten Thomas Kötter von der Frankfurter Rundschau (FR): “Ich ärgere mich schon seit einiger Zeit darüber, wie die Führung die Lage immer wieder schönzeichnet. Die Probleme bekommen wir immer erst mit, wenn wir uns vor Ort selbst informieren.”
Der FR-Journalist Thomas Kötter schreibt in einem aktuellen Artikel mit der Überschrift ”Der Bundeswehr gehen die Ärzte aus”:
“Nach den Erkenntnissen, die dem Verteidigungsausschuss und Minister Franz Josef Jung (CDU) vorliegen, ist eine hohe Zahl von Ärzten untauglich für den Auslandsdienst geschrieben. Da für diese Einstufung Ärzte zuständig sind, reagieren die Politiker mit Misstrauen. Fakt bleibt aber: Da die Zahl der Auslandstauglichen begrenzt ist, müssen die immer öfter in den Einsatz. Fakt ist auch, dass die Mittel auf die Standorte im Ausland konzentriert werden und in den Krankenhäusern daheim fehlen. Fakt ist drittens, dass hier zwar aus Kostengründen die Zahl der zivilen Mitarbeiter von 6000 auf weniger als 3000 reduziert wurde, die an ihrer Stelle versprochenen Soldaten aber nicht rechtzeitig ausgebildet wurden”
Und das ganze Parlament udn das BMVg haben den Bericht des Wehrbeauftragten zur Kenntnis genommen.
“Auch der Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe, hat ‘erhebliche Vakanzen im klinischen Bereich und eine Überlastung des verbleibenden Personals im Inland’ festgestellt. Die Grundversorgung an den Heimatstandorten sei “im bisherigen Umfang nicht mehr gewährleistet.”
Zum Artikel in der Frankfurter Rundschau von Thomas Kröter unter der Überschrift “Der Bundeswehr gehen die Ärzte aus”.
Auch DER SPIEGEL berichtet aktuell mit dem Titel “Frustrierte Ärzte verlassen die Bundeswehr”, zum Artikel.
(Bildquellen: Sanitätsdienst der Bundeswehr.de, Einsatz.Bundeswehr.de)
Inspirierende Hintergrundinformationen: Ärzte ohne Grenzen.de






















5. August 2008 um 19:28 Uhr
Es gibt keine Ausbildung für den Einsatz, wo man die Versorgung von Schussverletzungen gründlich erlernen kann; die Ausbildung in Afrika pausiert; der Inspekteur San kümmert sich nicht darum. Es gibt weniger Gehalt als im zivilen Bereich, und Überstunden werden mit wenigen Euros bezahlt, wenn überhaupt. Dabei ist eine Narkosearztstunde 50-75 Euro wert auf dem zivilen Markt….
Es werden dieses und nächstes Jahr noch viel mehr Ärzte die BUndeswehr verlassen. Und dann?
13. August 2008 um 20:24 Uhr
als seit langem tätiger truppenarzt kann ich den oben getroffenen aussagen nur stellenweise zustimmen. zu meiner standarttherapie zählen jedenfalls nicht voltaren salbe und salbe gegen fusspilz ! bisher habe ich und auch die kollegen mit denen ich zusammenarbeite stets versucht, für die patienten die bestmögliche therapie zu finden und anzuwenden.
vielen soldaten ist im gegenzug überhaupt nicht klar, welche medizinischen privilegien sie gegenüber den gesetzlich versicherten geniessen. gute beispiele dafür sind die völlig freie abgabe von erkältungsmedikamenten oder auch die unreglementierte verordnungsmöglichkeit von physiotherapeutischen massnahmen – da sieht es für die gkv versicherten nämlich ziemlich traurig aus.
ich kann natürlich auch die unzufriedenheit der truppe mit dem sanitätsdienst verstehen.
eine kontinuierliche bereuung der soldaten am heimatstandort ist schon lange nicht mehr gegeben. die gründe dafür sind vielfältig. zum einen natürlich die zunehmenden auslandseinsätze. dazu die vorbereitenden lehrgänge vor den einsätzen, die allerdings kaum dazu geeignet sind, tatsächlich auf die einsätze vorzubereiten. das diesbezüglich für ärzte und sanitätspersonal vielleicht andere schwerpunkte wichtig wären, als für schutztruppen hat sich in der führung eben noch nicht rumgesprochen…
dann kommen noch die vielen anderen aufgaben dazu, die man als truppenarzt zu erledigen hat.
schiessarzt auf truppenübungsplätzen, alle möglichen verwaltungsaufgaben u.u.u.
eine meiner neuen täglichen lieblingsaufgaben ist…
13. August 2008 um 21:10 Uhr
… beispielsweise das ausfüllen eines formulars, in das ich eintragen muss wieviele stunden ich patienten behandelt habe, gutachten erstellt habe, sport getrieben habe usw., solche sinnentleerten aufgaben mehren sich leider, mit dem ergebniss, dass weniger zeit für die patienten übrigbleibt.
ein weiteres problem ist die manglende aus- und weiterbildung der sanitätsoffiziere in der bundewehr. ich werde beispielsweise die bw nach 16 dienstjahren verlassen, ohne einen facharztabschluss erlangt zu haben.
da bei sanitätsoffizieren die ansprüche auf bfd massnahmen und übergangsgebührnisse drastisch im vgl. zu anderen fachoffizieren, gekürzt sind, reicht mein bfd anspruch auch nicht aus, um damit meinen facharzttitel zu erwerben – auch nicht gerade motivationsfördernd !
die sanitätsführung interessiert das alles natürlich überhaupt nicht. wenn man auch erst mal so einen schönen posten in den kommandobehörden ergattert hat, sind die probleme unten in der schlammzone nur noch störend.
könnt ja einer, der noch mehr zu sagen hat drauf kommen, dass der dienstposten doch überflüssig oder fehlbesetzt ist.
also lieber alles schön reden und augen zu und durch !
das unter diesen bedingungen immer mehr kollegen eine möglichkeit zum verlassen der bundeswehr suchen ist mehr als verständlich, vor wenigen tagen erst hat einer meiner arbeitskollegen einen landesbeamtenjob an einer uni ergattert und damit die möglichkeit die bw zu verlassen, denn einfach so kündigen kann man leider auch nicht.
unter all diesen umständen wundert man sich eigentlich, dass das system überhaupt noch funktioniert !
13. August 2008 um 21:45 Uhr
Lieber Truppenarzt,
vielen Dank für Ihren O-Ton, sie haben den Artikel bestens ergänzt und vor allem durch Innen-Ansichten bereichert – wir beide sind d´accord, der Zentrale Sanitätsdienst und die SanOffzArzt sind eine Baustelle (mit Sturzgefahr), die viel zu lange vernachlässigt worden ist, die Attraktivität der Bw für akademische (besonders medizinische) Berufe und Ausbildungsgänge mit finalem BFD sind in der Realität eigentlich inakzeptabel. Qualitätsmängel, die ich bewußt überspitzt (Voltaren) dagestellt habe, sind dem morschen System zuzuorden und weniger dem Menschen, die Bw-Ärztinnen und Ärzte machen nach Kräften einen hochmotivierten guten Job, wenn das Bw-San- und Karriere-System nur einigermaßen und fair funktionieren würde, könnten Bw-Mediziner ihre Aufgabe als Arzt für die Soldaten in einer weltweit eingesetzten Truppe mit Risiken für Leib und Leben noch besser machen und diesen Beruf aus Berufung mit ungetrübter Schaffensfreude ausüben. In Sachen Bürokratie möchte ich auf “Papierkrieg am Hindukusch” ( http://blog.tagesschau.de/?p=1170 ) hinweisen.
Alles Gute für Sie und natürlich Soldatenglück und bald ziviles Mediziner-Fortune!
30. August 2008 um 10:01 Uhr
Ich möchte da mal als Nicht Akademiker und Angehöriger des ZSanDstBw auch mal meinen “Senf” dazugeben. Genau so, wie Sie meine Herren Ärzte sind auch die unter Ihnen dienenden von der hoffnungslosen Überlastung des zentralen Sanitätsdienstes betroffen. Sie schreiben hier von der unreglementierten Vergabe von physiotherapeutischen Leistungen ( ich denke sie meinen die berühmten Fango Massage Rezepte) übersehen aber auf der anderen Seite, das der sog. “unterstellte” Bereich mehr als auf “Naht” genäht ist. Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung garantieren, dass es nicht mehr lange dauert und der ZSanDstBw muss seinen Offenbarungseid leisten. Wir sind derart “kopflastig” das einem schon schwindelig werden kann. Auf Probleme, die nach guter alter militärischer Tradition nach “oben” gemeldet werden, passiert entweder garnichts oder es setzt gnadenloser Aktionismus ein, der sinnlos verpufft. Es gäbe tausende von Einzelbeispielen anzuführen, aber das würde den Rahmen hier sprengen. Abschließend, meine lieben Akademiker Kameraden, glauben Sie mir, der von mir so genannte “unterstellte” Bereich würde auch jede Chance zur Flucht nutzen, wenn er sie denn hätte. Das ist der innere Zustand des ZSanDstBw.
Ein schönes Wochenende wünscht der Netzdrömler
4. September 2008 um 23:33 Uhr
hallo netzdrömler,
bezüglich ihrer aussage gebe ich ihnen vollkommen recht ! auch bei uns ist es so, dass viel zu wenig personal da ist, um den betrieb der truppenärztlichen ambulanz am laufen zu halten. nur durch grosses engagement der dort arbeitenden soldaten und zivilen mitarbeiter funktioniert das ganze irgendwie. die haben meinen vollen respekt und so weit es auch geht meine unterstützung.
5. September 2008 um 18:22 Uhr
hallo truppenarzt,
)
wir wollen das ja hier nicht zur “Two man Show” werden lassen.
Bedenklich ist aus meiner Sicht aber, das dass System unentgeltliche truppenärztliche Versorgung nur durch das persönliche Egagement Einzelner funktioniert. Die Überlastung ist aber nicht nur im Bereich Heilfürsorge, truppenärztliche Sprechstunde anzutreffen. Die anderen Bereiche einer SanStff, eines SanZ sind “voll” mit drin im Geschehen. Wer manchmal G-Karten mit sensiblen Daten bearbeitet, möchte ich hier gar nicht wissen. Ein Zustand aus der Not heraus geboren, aber m.E. unhaltbar, aber da wären wir wieder bei meinem Beitrag vom 30.08.08.
Lieber Truppenarzt, sehen Sie zu, das Sie Ihren hippokratischen Eid nicht verletzen und ohne Kollateralschaden aus dem ZSanDBw ausscheiden. Meine besten Wünsche für Sie…….
7. September 2008 um 05:40 Uhr
Die Ausführungen von Dirk sind sicherlich etwas zu simpel und pauschal, aber sie treffen doch den Kern des Problems. Besonders die Versorgung im Inland ist durch die hohe Belastung des Sanitätspersonals durch Auslandseinsätze in ihrer Qualität bedroht. Ständig wechselnde Truppenärzte und oftmals, aufgrund der schlechten Bezahlung, unterdurchschnittlich qualifizierte Vertragsärzte sind trotz hoher Motivation kaum in der Lage eine allgemeinmedizinische Basisversorgung die mit dem zivilen Standard vergleichbar ist zu gewährleisten. Zahlreiche Truppenärzte haben vor ihrer Tätigkeit als Truppenarzt eine Ausbildung von etwa zwei Jahren durchlaufen, die mit dem Fach Allgemeinmedizin kaum etwas zu tun hat. Viele werden als Assistenzärzte in Fächern wie beispielsweise Radiologie, Dermatologie oder Urologie nach dem Studium ausgebildet und sollen dann eine hochwertige allgemeinmedizinische Versorgung der Truppe gewährleisten. Im zivilen Bereich wird hingegen eine meist fünfjährige Ausblidung zum Allgemeinmediziner vorausgesetzt, bevor eigenverantwortliches Arbeiten zulässig ist. Viele Sanitätsoffizier kompensieren die fehlende Aubildung durch gutes Teamwork und Engagement. Manchmal führt das Defizit in der ärztlichen Ausbildung und die mangelnde Kontinuität im Arzt-Patienten-Verhältnis aber zu nachvollziehbarer Hilflosigkeit, die dann in “Voltarenmedizin” und übermäßig hohen Zahlen an Überweisungen endet – mit entsprechenden enttäuschten Äußerungen der Soldaten über ihren San-Bereich. Angesichts des wachsenden Anteils an Zeit- und Berufssoldaten nehmen anspruchsvolle Krankheitsbilder zu, die in Einheiten mit überwiegend gesunden Rekruten nur selten zu finden sind. Diesem Anspruch sollte die truppenärztliche Versorgung im Inland gewachsen sein.
Für die zunehmend schwierigeren Auslandseinsätze wird das (ärztliche) Personal ebenfalls knapp. Durch die geschilderten Ausbildungsdefizite erwerben längst nicht alle Sanitätsoffiziere die benötigte Fachkunde Rettungsdienst um die Notarztdienstposten für den präklinischen Rettungsdienst in den Einsätzen zu besetzen. Zahlreiche Kameraden fallen durch Schwangerschaft oder Erkrankung ebenfalls aus. Einige Sanitätsoffiziere werden auch in Stabs- oder Führungsverwendungen eingesetzt, wo die Abkömmlichkeit deutlich eingeschränkter beurteilt wird als diejenige von Truppenärzten. Die Last der Auslandseinsätze wird also auf zu wenigen Schultern getragen. Selbst die Qualifikation Rettungsmedizin (18 Monate klinische Ausbildung in einem Fach der unmittelbaren Patientenversorgung, davon mindestens 3 Monate auf einer Intensivstation, in der Anaesthesie oder in einer Notfallaufnahme, ein 80 h Theorie-Kurs in Notfallmedizin sowie 10 lebensrettende Einsätze) erscheint mir persönlich etwas zu gering um die anspruchsvollen Verletzungsmuster nach einem IED-Anschlag im Einsätz wirklich optimal zu versorgen. Im zivilen Bereich sind die Anforderungen an den Notarzt gestiegen, weshalb viele Bundesländer die Fachkunde Rettungsmedizin durch die anspruchsvollere Zusatzbezeichnung Notfallmedizin ersetzt haben. Nur wenige Sanitätsoffizier besitzen diese Zusatzbezeichnung. Während der truppenärztlichen Tätigkeit besteht außerdem nur eine eingeschränkte Möglichkeit sich adäquat notfallmedizinsch in Übung zu halten. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass der “bessere” Notarzt aus dem klinischen Umfeld kommt, wo lebensrettende Maßnahmen regelmäßig angewendet werden. Die oft mangelnde Erfahrung des Assistenzpersonals sei ebenfalls erwähnt. Für den Einsatz sollte gelten “train as you fight”, leider sind die Arzttrupps oftmals aus dem gesamten Bundesgebiet zusammengewürfelt um dann mit fremden Einheiten auf Patrouille geschickt zu werden. Da die sanitätsdienstliche Patrouillenbegleitung oft präventiv erfolgt, gerät das Abwägen des Vorteils von begleitenden Sanitätskräften gegenüber der Eigengefährdung, bei steigender Intensität in den Einsätzen, aus meiner Sicht zu einer zunehmend schwierigen Entscheidung. Der Aufbau einer suffizienten Luftrettung, wie sie z.B. die US-Streitkräfte besitzen könnte die Versorgung verbessern und die Anzahl benötigter Ärzte verringern.
Trotzdem hat der Sanitätsdienst besonders im Einsatz Großartiges geleisten und leistet es jeden Tag. Wichtig erscheint mir, allen Bw-Ärzten reinen Wein bezüglich der Einsatzbelastung einzuschenken und attraktive individuelle Aus- und Weiterbildungskonzepte zu entwickeln, damit die Bundeswehr den zivilen Standards nicht hinterherläuft sondern sogar vorausgeht. Eine bessere Vergütung wäre ebenfalls wünschenswert. Übermäßige Bürokratie durch Controlling, QM usw. muss auf das Notwendigste beschränkt werden. Die medizinische Versorgung unserer Soldaten im Frienden, Einsatz und Krieg gehört in den Fokus.
7. September 2008 um 09:34 Uhr
Danke für den sehr fachkundigen und umfassenden Beitrag zum Bw-Sanitätsdienst, der die Problematik in der Tiefe und verständlich mit Insider-Kompentenz erläutert und Lösungswege aufzeigt, Gruß an truppenarzt aD
16. November 2008 um 21:06 Uhr
Hallo Leute!
Kann allen nur beipflichten. Mittlerweile sind es wohl um die 100 SanOffz die den Dienst quittiert haben.
Die jüngeren frustriert am meidten die fehlende Weiterbildung. In 10-11 Jahren nach dem Studium erhält man nur 3 Jahre Weiterbildung.
Auch wenn wir nur ca. 10 Wochen in den Einsatz gehen, passiert das dafür jährlich.
Zurück im Heimatland nehmen wir dann teil am Kinderlandverschickungsprogramm der Bw und halten uns überall in Deutschland auf, nur nicht am Heimatstandort.
Den Sanitätsdienst un der heutigen Form wird es wohl in 4 Jahren nicht mehr geben. In 6-8 Jahren wird es, so glaube ich gar keinen Sanitätsdienst mehr geben und die Soldaten erhalten eine Krankenkarte.
15. Februar 2009 um 14:41 Uhr
Solange der Dienstherr nichts daran ändert, dass die auslandsverwendungsUNfähigkeit in praktisch jeder Hinsicht ein Vorteil ist, wird der Prozentsatz der verwendungsfähigen noch weiter fallen!
Wer zu Hause bleibt, dem sprengt kein Taliban ein Bein weg, kann seine Weiterbildung in Ruhe planen inklusive karrierefördernder Lehrgänge/Workshops/Kongresse, kann im heimischen Krankenhaus in Ruhe die für den Facharzt erforderlichen Eingriffe erbringen, riskiert kein Familien- (Ehe-) Theater wegen der mehrwöchigen Abwesendheit, kann seine Freizeit gestalten wie er will, und ob 90 oder 110 Euro AVZ: Da lacht sich der verwendungsunfähige Kollege nur kaputt! Den Betrag macht er mit 3 oder 4 Diensten/Monat im Krankenhaus um die Ecke oder als KV-Dienst locker wett. Mal abgesehen davon, dass es in einer 2-5 Mann-Bude im Einsatz nicht so schön ist wie zu Hause und der häufig chaotischen EInsatzplanung (alles eigene Erfahrung!). Es wird auch nie ein Anruf kommen “es tut uns leid, sie müssten in 10 Tagen nach…”.
Ist kein Zufall, dass die Mehrzahl der SanOffz per 90/5 oder sonstigen Gründen nicht in den Einsatz geht.
Ernsthaft für Gerechtigkeit sorgen versuchen die Verantwortlichen nicht wirklich; im Moment klappts ja gerade noch, weil es (noch) genug “Dumme” gibt, die regelmäßig oder mehrfach pro Jahr ersatzweise gehen.
15. Februar 2009 um 15:04 Uhr
@Metti- Danke für den Original-Ton aus der Bw-Mediziner-Praxis, das Thema bleibt vorerst leider eine unendliche Geschichte, die Bw-Ärzte sollten bei der nächsten Hartmannbund-Ärzte-Demo mal mit öffentlich werden und auf die Straßen und Plätze der Republik gehen und die Mißstände in der tagesschau beim Namen nennen, ohne öffentlichen Druck wird ansonsten hinterm Kasernentor weiter “geflick-schustert bis der Arzt kommt”.
25. April 2009 um 20:49 Uhr
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